Als er vor neun Jahren in der Tuttlinger Stadthalle mit einer großen Festgemeinde seinen 60. Geburtstag feierte, kam die Kanzlerin überraschend aus Berlin angereist, um dem treuen Mitstreiter in dessen Heimatstadt persönlich zu gratulieren.

Angela Merkel hatte allen Grund dazu: Volker Kauder galt als einer der tragenden Pfeiler im Machtgebäude der Bundeskanzlerin. Seit 13 Jahren führt der Tuttlinger als Fraktionschef die Abgeordneten von CDU und CSU im Bundestag – länger als jeder andere vor ihm. Sein Amtsverständnis lief darauf hinaus, Merkel loyal den Rücken freizuhalten und jedes Murren in den Reihen der Abgeordneten im Keim zu ersticken.

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Seine Abwahl kam völlig unerwartet

Wie es scheint, ist ihm dies nun zum Verhängnis geworden. Kauders Abwahl als Fraktionschef kam völlig unerwartet. Niemand sah sie kommen – er selber sicherlich am allerwenigsten. Es ist die Quittung für die Bindung an die Kanzlerin, die viele Abgeordneten jetzt offenbar als zu eng empfanden.

Jahrelang konnte der 69-Jährige die Unionsabgeordneten mit Zuckerbrot und Peitsche auf Kurs halten: In der Finanzkrise, beim Rettungspaket für Griechenland, selbst in der Flüchtlingskrise trug die Fraktion dank Kauders Hilfe Merkels Politik mit. Jetzt, nach dem Streit um Verfassungsschützer Maaßen, ist der Faden wohl gerissen – ein untrügliches Zeichen, dass es für die Kanzlerin eng wird.

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2002 auf der Seite von CSU-Chef Edmund Stoiber

Dabei stand der Konservative Kauder keineswegs von Anfang an auf der Seite der Kanzlerin. Vor der Bundestagswahl 2002, als die Union einen Herausforderer für SPD-Kanzler Gerhard Schröder suchte, schlug sich der Tuttlinger auf die Seite von CSU-Chef Edmund Stoiber.

Dass Merkel es packen könnte, vermochte er sich damals, so wie damals viele in der Union, nicht vorzustellen. Die CDU-Chefin trug es ihm nicht nach, sondern beförderte ihn und machte ihn zu ihrem Verbündeten. Kauders Job bestand vor allem darin, den konservativen Teil der Partei anzusprechen und an Merkel zu binden.

Karriere nie frei von Wendungen

Für viele Unionsfreunde in Kauders Heimat Baden-Württemberg kam dieser Karriereschritt überraschend. Dabei war die Laufbahn des neuen Fraktionschef nie frei von Wendungen. 1949 geboren und in Singen am Hohentwiel aufgewachsen, plante Kauder zunächst, den Bundestagssitz des langjährigen Konstanzer Wahlkreisabgeordneten Hermann Biechele, seines Schwiegervaters, zu übernehmen.

Parteirivale Hans-Peter Repnik schlug ihn in einer Kampfabstimmung und Kauder fand in Tuttlingen eine neue politische Basis. 1990 kam er in den Bundestag, von 1991 bis 2005 war er zudem Generalsekretär der CDU in Baden-Württemberg. Auch sein Bruder Siegfried machte als Bundestagsabgeordneter für den Schwarzwald-Baar-kreis Karriere, verlor seinen Sitz aber 2013 nach internen Streitigkeiten. Jetzt ist auch Volker Kauders Laufbahn zu Ende. Es ist wohl auch der Anfang vom Ende der Kanzlerin.

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