Stuttgart – 1100 Menschen. So viele Frauen und Kinder holte Baden-Württemberg 2016 aus dem Nordirak – auf Initiative von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne). Die meisten sind Jesidinnen, einige Christen und Muslime. Doch sie alle sind Opfer der Terrormiliz IS, die dort verfolgte, vergewaltigte, mordete. 21 baden-württembergische Gemeinden nahmen die Geflüchteten auf, sie blieben geheim, um die Menschen zu schützen. Dort angekommen wurden die Frauen und Kinder medizinisch und psychologisch versorgt. Sie sollten das Erlebte verarbeiten und heilen, soweit es möglich ist.

Die Aktion hatte Kretschmann bei einem Flüchtlingsgipfel mit Vertretern aus der Landespolitik, Kommunalverbänden, Kirche und Flüchtlingsarbeit im Oktober 2014 durchgesetzt. Er hält sie für seine "humanitäre Pflicht". Mit dem "Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak“ brachte sich der Grünen-Politiker dennoch in die Kritik – zum einen wegen der genannten Obergrenze, zum anderen, weil er die Maßnahme auf Frauen und Kinder beschränkte.

Vorausgegangen war der Entscheidung ein Treffen mit dem Zentralrat der Jesiden, der Kretschmann die Situation im Nordirak schilderte. Einen Tag vor Weihnachten 2014 hatte der Ministerpräsident seinen Referatsleiter im Staatsministerium, Michael Blume, persönlich gefragt, ob er die heikle Aufgabe übernehmen würde. Er sagte zu. Einsatzteams sollten Menschen aus den Flüchtlingslagern für das Programm auswählen. Die Kriterien wurden aus Vorschlägen verschiedener Hilfsorganisationen und Kirchen zusammengestellt. 95 Millionen Euro für drei Jahre plante das Land für die Aktion ein.

Schwierige Auswahl

Experten wie Professor Jan Ilhan Kizilhan von der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen wurden hinzugezogen, um die Frauen und Kinder psychologisch zu untersuchen. „Für die Auswahl war es wichtig, eine gute Behandlungsperspektive zu sehen, damit auch effektiv geholfen werden kann“, erklärte Projektleiter Blume im Nachhinein. Selbst war er 14 Mal in die Region gereist: Aber "wir hätten auch 5000 Frauen aussuchen können, denen es psychisch und körperlich richtig schlecht geht." Die Mission dauerte von März 2015 bis Januar 2016. Sie machte Schule, andere Bundesländer folgten dem Beispiel.

Die ausgewählten Frauen und Kinder wurden unter großen Sicherheitsvorkehrungen mit Charterflügen ausgeflogen. Unter ihnen war Nadia Murad.

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