Sechs Abgeordnete hatten an dem Job ihr Interesse bekundet, zwei schafften es in die Endauswahl, zuletzt machte einer das Rennen mit überraschend deutlichem Vorsprung: Der Konstanzer CDU-Abgeordnete Andreas ist in einer Kampfabstimmung zum neuen Vorsitzenden der CDU-Landesgruppe im Bundestag gewählt worden. Der 41-Jährige setzte sich als Nachfolger von Thomas Strobl mit 24 zu 15 Stimmen gegen Thomas Bareiß, den Wortführer des konservativen Flügels, durch.

Als Richtungsentscheidung will der als Reformer geltende Jung das Ergebnis trotzdem nicht verstanden wissen. Ihm gehe es darum, die Landesgruppe zusammenzuhalten und alle Flügel zu vereinen, sagte der Abgeordnete vom Bodensee im Gespräch mit dieser Zeitung: "Vorrangig ist der Blick auf die gemeinsamen Interessen des Landes Baden-Württemberg."

Dieser Ansatz überzeugte wohl auch die Mehrheit seiner Fraktionskollegen. 43 Abgeordnete aus dem Südwesten sitzen in der CDU-Landesgruppe, darunter Fraktionschef Volker Kauder und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Beide Kandidaten hatten zehn Minuten Zeit, ihre Ziele und Sichtweisen darzustellen. Erst sprach Bareiß, Abgeordneter im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen und Vorsitzender des mitgliederstarken CDU-Bezirksverbandes Württemberg-Hohenzollern, dann folgte Jung, der seit fünf Jahren an der Spitze des CDU-Bezirks Südbaden steht. Das Ergebnis war unerwartet deutlich.

Auch Bareiß bemühte sich anschließend, die Wogen zu glätten. "Wir haben aus allen Bereichen starke Persönlichkeiten. Das macht uns als Volkspartei aus", sagte er auf Nachfrage dieser Zeitung. Mehr wollte er zu seiner Niederlage in der Kampfabstimmung nicht sagen. Für Jung ist es wichtig, Meinungsverschiedenheiten in der Landesgruppe offen auszutragen. Die Sitzungen sind stets nichtöffentlich – und da gilt dem neuen Vorsitzenden zufolge der Grundsatz: "Tür zu, Klappe auf!" In der Debattenkultur halte er es wie Heiner Geißler: Streit in der Sache bringe eine Partei voran.

Als einer der vier Bezirksvorsitzenden im Landesverband hatte Jung schon bisher eine starke Stellung innerhalb der Südwest-CDU. In seinem Wahlkreis wie auch in der Fraktion ist der Jurist wegen seiner verbindlichen Art geschätzt. Programmatisch steht der 41-Jährige für eine moderne, weltoffene CDU, fachlich hat er sich als Umweltpolitiker zielstrebig in sein Thema eingearbeitet. Das Nein zum Fluglärm-Staatsvertrag mit der Schweiz und das Fracking-Verbot am Bodensee geht maßgeblich auch auf Jungs Einfluss zurück. "Wir dürfen nicht auf Kosten der Zukunft leben", heißt es auf seiner Website.

Diese Themen will Jung auch in seiner neuen Aufgabe fest im Blick behalten. Die wichtigste Aufgabe der Landesgruppe sieht er darin, die Interessen Baden-Württembergs innerhalb der Unionsfraktion zur Geltung zu bringen – von Fluglärm und Fracking bis zu Verkehr, Landwirtschaft und schnellem Internet. Jung weiß, dass auf ihn ungemütliche Zeiten zukommen. Im kommenden Jahr wartet auf die 43 CDU-Abgeordneten aus dem Südwesten eine schwierige Bundestagswahl. Dazu kommen die Wunden, die das Debakel bei der Landtagswahl am 13. März gerissen hat.

Zu Vorgänger Thomas Strobl wird Jung ein guter Draht nachgesagt. Dessen Stuhl im Bundestag wurde frei, weil der 56-jährige Heilbronner nach der Landtagswahl als Innenminister nach Stuttgart ging. Sechs CDU-Abgeordnete waren in der Landesgruppe als Nachfolger anfangs im Gespräch, darunter Verkehrs-Staatssekretär Norbert Barthle und der frühere JU-Landesvorsitzende Steffen Bilger. Zeitweise galt Bareiß als Favorit, am Ende überzeugte dann der Kollege vom Bodensee. Einen leichten Job übernimmt er nicht.