Herr Blüm, Sie sind 83 Jahre alt. Vor Kurzem haben Sie noch mal die ganzen alten Nummern aus ihrem legendären Notizbüchlein durchtelefoniert. Warum?

Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man ganz gerne solche Rundflüge in die eigene Vergangenheit unternimmt. Manche, die ich nach all den Jahren angerufen habe, waren immer noch die Alten. Andere haben sich völlig verändert.

Einige Weggefährten haben Sie nicht mehr erreicht, weil Sie gestorben sind. Macht Ihnen das Angst?

Dass man mit über 80 mehr Freunde hinter den Friedhofsmauern hat als davor, gehört zum Altwerden dazu. Von den vielen Telefonaten ist mir am eindrucksvollsten das mit meinem Freund Bernhard Jagoda in Erinnerung geblieben, der lange Chef der Bundesanstalt für Arbeit war. Er war gerade aus dem Koma erwacht und wir haben wie in alten Zeiten miteinander gelacht, uns gegenseitig auf die Schippe genommen, also Unsinn geredet. Acht Tage später ist er gestorben. Wenn ich gewusst hätte, dass das unsere letzte Unterhaltung war, wäre sie anders gelaufen. Man muss immer so miteinander umgehen, dass man später nichts bereut.

Das könnte Sie auch interessieren

Auch von Helmut Kohl konnten Sie sich nicht verabschieden. Er hat den Kontakt lange vor seinem Tod abgebrochen. Was hätten Sie ihm gerne noch gesagt?

Dass wir eine gute Zeit zusammen hatten – und es ein großes Glück war, in einem entscheidenden Moment der deutschen Geschichte Politik machen zu dürfen. Ich hätte ihm gerne gesagt, dass ich ihn auch im Nachhinein bewundere, weil er früh erkannt hat, dass die Tür zur Wiedervereinigung nur für den Bruchteil einer historischen Sekunde offen stand. Hätten wir gezögert, wäre die Chance vertan gewesen. Helmut Kohl bleibt für mich ein großer Staatsmann. Ich bedauere es sehr, dass wir so auseinandergegangen sind.

Als Kohl die CDU mit der Spenden-Affäre in den Abgrund zu reißen drohte, haben Sie ihm geraten, den Ehrenvorsitz abzugeben. Das hat er Ihnen nie verziehen.

Das ist schade. Aber ich kann ja nicht etwas für richtig halten, was falsch ist, nur weil es um einen Freund geht. 2 mal 2 ist 4 und wird aus Freundschaft nicht 5.

Kohl hat Sie als Verräter bezeichnet. Sie haben ihm trotzdem noch einen Brief geschrieben. Was stand da drin?

Dass ich das Bedürfnis habe, Frieden miteinander zu machen, bevor einer von uns im Grab liegt.

Wie hat Kohl reagiert?

Gar nicht. Was ich eigentlich noch viel schlimmer fand, als wenn er meine Bitte einfach abgelehnt hätte. Jetzt kann ich es nicht mehr ändern, also nehme ich es hin, wie es ist.

Sie haben erzählt, dass Sie damals oft von Kohl geträumt haben. Kommt das immer noch vor?

Kaum noch. Dafür ist neulich der Heiner Geißler mal vorbeigekommen.

Heute endet die Zeit von Angela Merkel als CDU-Chefin. Ist das noch ein Abgang in Würde?

Ich hoffe, dass alle sich daran erinnern werden, wie wichtig es ist, persönliche Verletzungen zu vermeiden und einen Abgang ohne Wunden zu ermöglichen. Ich glaube, wir werden uns schon bald nach einer Kanzlerin Angela Merkel zurücksehnen.

Was wird Ihnen fehlen, wenn Merkel endgültig Schluss macht?

Das hohe Maß an Gelassenheit und Sachbezogenheit, mit der sie Politik macht. Ohne Prestigegehabe, ohne Wichtigtuerei, ohne die Geste des Auftrumpfens. Es geht ihr nie darum, Eindruck zu machen. Das unterscheidet sie auch von ihrem Vorgänger Gerhard Schröder. Und bevor ich jetzt scheinheilig klinge: Ich selbst war in diesem Punkt mehr Schröder als Merkel.

Welche Rolle spielt es, dass Merkel die erste Frau im Kanzleramt ist?

In einer Zeit, in der wir es mit einer Welt wild gewordener Männer zu tun haben, in der ein Kraftmeier Amerika regiert, ein Revolverheld Brasilien, in Italien die Großmannssucht ausbricht, in der Putin, Erdogan oder Orban die Demokratie aushöhlen, werden wir uns die leise und besonnene Art dieser Frau zurückwünschen. Damit wir uns richtig verstehen: Ich bin nicht der Vorsitzende des Merkel-Fanclubs. Aber ich fürchte, erst später werden wir begreifen, was wir verloren haben.

Kann Merkel ohne Parteivorsitz auf Dauer wirklich Kanzlerin bleiben?

Sie hätte die Kraft dafür und ist noch immer eine prägende Gestalt in der europäischen Politik. Was wir jedenfalls nicht gebrauchen können, wären zwei Kanzler – einer im Amt auf Abruf und einer im Wartestand auf dem Sprung. Manche haben vielleicht noch nicht gemerkt, dass die Hütte brennt. Sie tun so, als würde ein Wasserhahn tropfen und man müsste nur einen Installateur bestellen. Dabei brennt doch das ganze Haus. Der Nationalismus greift wie eine Epidemie in Europa um sich. Und da wird es nicht gut gehen, wenn zwei Feuerwehr-Kommandanten gleichzeitig unterschiedliche Kommandos geben.

Warum schaffen es Politiker so selten, rechtzeitig loszulassen?

Bei Merkel kann man es auch anders herum sehen. Dass hier jemand standhaft bleibt und seine Pflicht erfüllt. Loslassen kann auch Fahnenflucht sein, der Ausweg in die Bequemlichkeit.

Würden Sie das auch über Horst Seehofer sagen?

Ich kenne keinen anderen Politiker, der seine Karriere für die eigene Überzeugung geopfert hat. Er hielt die Kopfpauschale in der Krankenversicherung 2004 für Irrsinn und trat als Vize der Unions-Fraktion zurück. Er musste bei null anfangen, ohne zu ahnen, dass er einmal Ministerpräsident werden würde. Das nötigt mir bis heute Respekt ab. Leider hat er sich jetzt auf ein Rennen mit Markus Söder eingelassen, das dem Wettlauf zwischen Hase und Igel entspricht. Den Söder gibt es zweimal, als zahmen und als wilden Igel. Und wo immer der Hase Seehofer ankommt, ist der Igel Söder schon da. Das hat ihn zermürbt.

Friedrich Merz ist die große Hoffnung der Konservativen in der Union. Woher kommt diese Sehnsucht?

Der Mensch hat gerne Abwechslung. Und Merz kommt mit der großen Erneuerungsfahne daher. Das kenne ich noch von früher, als er die Steuererklärung auf den Bierdeckel schreiben wollte. Doch so einfach ist die Welt eben nicht.

Was halten Sie von der Debatte um sein Einkommen?

Das Einkommen ist für mich kein Thema. Ich habe ein ganz anderes Problem: Mir gefällt nicht, dass er Aufsichtsrat eines Finanzmonstrums war, das mit Billionen die Politik an der Nase herumführt. Solche Unternehmen stürzen die Welt ins Unglück. SPD und Grüne werden schon Kerzen in Altötting anzünden, damit Merz Kanzlerkandidat wird. Mich stört nicht das hohe Gehalt von Managern, sondern die Hungerlöhne, von denen viele Arbeitnehmer leben müssen.

Sie drücken Annegret Kramp-Karrenbauer die Daumen. Warum?

Sie ist in der christlichen Soziallehre fest verankert und hat den gepolsterten Sessel einer Ministerpräsidentin gegen den harten Stuhl der Generalsekretärin eingetauscht. Das zeigt: Sie will dem Land und der Partei dienen. Außerdem hat sie bewiesen, dass sie trotz starken Gegenwinds Wahlen gewinnen kann. Sie war es doch, die im Saarland den Hype um den SPD-Wunderkandidaten Martin Schulz beendet hat.

Fragen: Michael Stifter