Als Tsipras' linksgerichtete Syriza-Partei Ende Januar 2015 als deutlicher Sieger aus den Parlamentswahlen hervorgeht, ist der charismatische Ingenieur das Schreckgespenst der Börse: Weltweit gehen Kurse auf Talfahrt, weil sich Tspiras' Wahlkampf gegen die Bedingungen des Rettungspakets für das hochverschuldete Mittelmeerland gerichtet hatte.

Ausstieg Griechenlands aus dem Euro als heikles Thema

Politik und Wirtschaft machen sich auf einen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro gefasst, mit unabsehbaren Folgen. Tsipras' forsches Auftreten als Regierungschef irritiert die Kreditgeber von Europäischer Union, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds. Der Mann, der seinem Sohn als Hommage an den linken Revolutionär Che Guevara den Vornamen Orfeas Ernesto gab, erscheint ohne Krawatte aber mit allerlei Forderungen zu den Krisengipfeln.

Die Geldgeber hatten mehr Demut erwartet. Doch der damals 40-Jährige erzielt einen Kompromiss mit der in weiten Teilen Griechenlands verhassten Troika, die Geld gegen Sparmaßnahmen und Reformen verspricht. Bei erneuten Wahlen im September 2015 sichert sich Tsipras eine Mehrheit für sein Vorhaben, die harten Auflagen durch steuerfinanzierte Erleichterungen für die Schwächsten in der Gesellschaft abzufedern.

Streiks legen das Land immer wieder lahm

Dennoch braucht Tsipras in den folgenden Jahren einen langen Atem, immer wieder wird das Land von Streiks lahmgelegt. Doch der Plan gelingt: Die Wirtschaft wächst stärker als erwartet. Das Land kann im August 2018 den Euro-Rettungsschirm verlassen. Die Arbeitslosigkeit fällt unter Tsipras von 26 auf 18 Prozent.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der Tsipras auf dem Höhepunkt der Griechenlandkrise das eigene politische Überleben schwer gemacht hatte, zollt ihm Jahre später Respekt für die „großen Fortschritte“ bei der Bewältigung der Schuldenkrise hin zu „wirtschaftlicher und haushaltspolitischer Stabilität“.

Zugleich führt Tsipras, der als erster Regierungschef Griechenlands keinen religiösen Amtseid leistete, einen beständigen Kampf mit der einflussreichen griechisch-orthodoxen Kirche. Tsipras will die engen Beziehungen zwischen Staat und Kirche entflechten. Der bekennende Atheist lebt mit der Mutter seiner zwei Kinder, der Ingenieurin Betty Baziana, ohne Trauschein zusammen.

Seine Regierung stärkt gleichgeschlechtliche Partnerschaften und die Rechte von Transgender-Menschen. Dass Tspiras noch immer aus Überzeugung heraus Politik macht, zeigt er bei der Beilegung des Namensstreits mit Mazedonien. Der Nachbarstaat benennt sich nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen in Nordmazedonien um.

Vielen nationalistischen Griechen genügt das nicht: Sie verknüpfen auch mit diesem Namen mögliche Gebietsansprüche des Nachbarstaats. Bei der Europawahl strafen sie Syriza ab. Als Konsequenz lässt Tsipras die Parlamentswahlen um drei Monate vorziehen. Auch wenn das Regierungsamt in Athen nun wohl verloren sein dürfte - Tsipras und dem nordmazedonischen Ministerpräsidenten Zoran Zaev winkt der Friedensnobelpreis 2019. (AFP)