Wenn ihm die Worte fehlen, wechselt er ins Englische. Ken Lander ist schon lange in Deutschland – seit 16 Jahren lebt er hier, Überlingen ist längst seine Heimat. „Großbritannien ist mir fremd geworden“, sagt er mit englischem Akzent. Dass er aus der Nähe von Bristol an der walisischen Grenze kommt, hört man sofort. Es ist das feine, polierte Englisch der Gegend um den äußerst wohlhabenden Bade- und Erholungsort.

Bild: Moll, Mirjam

Aus seinem Büro im Schloss Spetzgart, wo das Salem International College untergebracht ist, hat man einen schönen Blick auf die Hügellandschaft. In seinem Büro im Altbau knarzt das Parkett, wegen der hohen Decken hallt Kens Stimme ein wenig. Wenn er über den Brexit spricht, stockt er immer wieder, schüttelt den Kopf.

Die europäische Idee

„Ich unterstütze die Idee Europa“, sagt er dann. Es war einer der Gründe, warum der Biologielehrer beschlossen hatte, mit seiner Familie auszuwandern. Jetzt muss er erleben, wie seine neue Heimat sich mit der alten überwirft. Ein Streit, der möglicherweise seine Familie auseinanderreißen könnte.

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"Es kann einfach nicht sein, dass wir bis zur letzten Sekunde nicht wissen, was wir zu erwarten haben", sagt Lander. Er klingt ruhig, aber das Thema wühlt ihn auf, das merkt man ihm an. Ende Oktober beschließt Ken, der Premierministerin einen Brief zu schreiben.

Brief an die Premierministerin

„Ich erwarte nicht, dass mein Brief etwas am großen Ganzen der Dinge ändern wird“, schreibt er darin: „Aber ich hoffe, dass er zeigt, welche Auswirkungen der Brexit auf Menschen wie mich hat.“ Menschen wir er, dass sind die sogenannten „forgotten three million“ – die drei Millionen Briten, die im EU-Ausland leben und nicht wissen, wie es weitergehen soll. „Setzen Sie diesem Akt der nationalen Selbstverletzung ein Ende“, fordert er Theresa May in dem Brief auf. Eine Antwort hat er bis heute nicht bekommen.

Ken Lander schreibt im Oktober einen Brief an Premierministerin May.
Ken Lander schreibt im Oktober einen Brief an Premierministerin May. | Bild: -

Vor 16 Jahren ist er mit seiner Familie hierhergekommen. Im Sommer 2016 darf er gerade noch mit abstimmen über den Austritt aus der EU. Denn wer länger als 15 Jahre außerhalb Großbritanniens lebt, hat kein Mitspracherecht mehr.

Dieser Junitag vor zweieinhalb Jahren war für ihn ein Schockerlebnis. Er hatte eine böse Vorahnung, sagt er – dass es knapp werden könnte. Dann, in der letzten Woche vor der Abstimmung, hatte er "so ein seltsames Gefühl". Es hat ihn nicht getrügt. „Seitdem versuche ich, damit zurechtzukommen.“ Inzwischen ist der Schock der Wut gewichen. Wut auf Theresa May. Er fühlt sich im Stich gelassen von der Regierung.

Alleingelassen

Dabei hatte die Familie schon vor dem Brexit-Referendum entschieden, nicht mehr nach Großbritannien zurückkehren zu wollen. Sie hat ein Haus in Überlingen gekauft. Aber die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen die Landers nicht – warum auch? Sie sind EU-Bürger und haben Aufenthalts- und Niederlassungsrecht in jedem Mitgliedstaat.

Familie Lander bei einem gemeinsamen Ausflug auf Dartmoor in der englischen Grafschaft Devon: Sohn Zac (vorne) studiert in den Niederlanden, sein jüngerer Bruder Oscar geht in Salem zur Schule, wo Mutter Nathalie und Vater Ken arbeiten. Bild: privat
Familie Lander bei einem gemeinsamen Ausflug auf Dartmoor in der englischen Grafschaft Devon: Sohn Zac (vorne) studiert in den Niederlanden, sein jüngerer Bruder Oscar geht in Salem zur Schule, wo Mutter Nathalie und Vater Ken arbeiten. | Bild: Ken Lander

Doch mit dem Referendum und den zähen Verhandlungen um den Austrittsvertrag ändert sich alles. Die Zeit vergeht, Minister kommen und gehen. Lander beginnt, misstrauisch zu werden, ob die Gespräche zwischen London und Brüssel überhaupt erfolgreich enden können.

Im Oktober 2018 fasst er einen Entschluss. Es wurde absehbar, dass die zähen Verhandlungen mit der EU womöglich nirgendwohin führten. Mit seiner Frau und seinem 16-jährigen Sohn Oscar beantragt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Oscar hat zwar den britischen Pass, ist aber in Deutschland aufgewachsen. Sein Herkunftsland war nie seine Heimat.

Der schwierige Weg zur Einbürgerung

Der Sprachtest war für die Familie kein Problem. Auch der Einbürgerungstest war zu schaffen. Noch wartet die Familie auf das Ergebnis des Antrags. Die zuständige Behörde in Friedrichshafen sei sehr hilfsbereit, betont er. Einen Plan B gibt es nicht.

Aufatmen kann Ken ohnehin noch nicht. Denn sein Ältester, Zac, studiert derzeit an der Universität Leiden in den Niederlanden. Der 20-Jährige hat keine deutsche Adresse mehr. Damit ist der Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft für ihn vorerst verbaut.

Die Zahl der in Deutschland lebenden Briten ist in den vergangenen drei Jahren gestiegen, ebenso wie die Zahl der in Großbritannien lebenden Deutschen. Bei den Einbürgerungen britischer Bürger in Deutschland sind die Zahlen seit dem Referendum 2016 stark gestiegen.
Die Zahl der in Deutschland lebenden Briten ist in den vergangenen drei Jahren gestiegen, ebenso wie die Zahl der in Großbritannien lebenden Deutschen. Bei den Einbürgerungen britischer Bürger in Deutschland sind die Zahlen seit dem Referendum 2016 stark gestiegen. | Bild: Bernhard, Alexander

„Das ist so frustrierend", sagt Ken. Dabei ist sein Sohn, seit er drei Jahre alt war, in Deutschland aufgewachsen, zum Kindergarten und zur Schule gegangen. Ken ist wütend auf sich selbst, dass er den Prozess erst so spät in Gang gebracht hat – bevor Zac sein Studium in den Niederlanden begann. Jetzt ist es zu spät.

Auslandsstudium wird zum Problem

"Wir müssen irgendeine Lösung finden, wenn Zac sein Studium beendet hat“, sagt Ken. Nur welche? Der Student kann als Heranwachsender noch zu seiner Familie zurückkehren, dann einen neuen Anlauf nehmen für den deutschen Pass. Zac müsste einen Job finden, vielleicht bekommt er dann nur eine Aufenthaltsgenehmigung, aber womöglich keinen Pass mehr.

"Wir haben zu lange gewartet", sagt Ken. Jetzt macht er sich Vorwürfe. Weil er daran geglaubt hatte, dass es eine Regelung für EU-Bürger in Großbritannien und Briten in der EU geben würde. Inzwischen ist nichts mehr sicher. Für eine Familie, die seit mehr als 16 Jahren in Deutschland lebt.

Sollte es zu einem ungeordneten Austritt des Vereinigten Königreichs kommen, weiß niemand so genau, wie schwierig oder einfach es sein wird, die Staatsbürgerschaft zu beantragen. Unklar ist auch, ob die doppelte Staatsbürgerschaft dann noch möglich ist.

Drohende Kosten

Das ist aber nur eine Sorge, die Ken umtreibt. Eine andere ist finanzieller Natur: Denn womöglich muss Ken in Kürze auch deutlich höhere Studiengebühren schultern. Die Universität unterscheidet zwischen EU- und Nicht-EU-Bürgern, die Kosten für ein Studienjahr könnten von 2000 auf 10 000 in die Höhe schnellen.

Sein jüngerer Sohn geht in Salem zur Schule, auch seine Frau ist an der Schule tätig. Ken weiß, dass er und seine Familie in einer privilegierten Situation sind. Er hat keinen Grund, daran zu zweifeln, dass der Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft abgelehnt wird. Andere haben gar nicht erst die Möglichkeit dazu. Weil sie die deutsche Sprache nicht beherrschen, weil sie noch nicht lange genug in Deutschland sind.

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Der Brite bezeichnet sich selbst als europhil – er sieht in Europa ein „ziemlich erfolgreiches Friedensprojekt“. Bei seiner Heimat hat er das Gefühl, dass das in Vergessenheit geraten ist. „Die Stärke Europas ist doch, dass wir zusammenarbeiten.“ Ein blinder Befürworter der Gemeinschaft ist er trotzdem nicht: „Niemand sagt, dass die EU perfekt ist.“ Aber im Kern sei sie eben doch ein Erfolg.

Seine Landsleute dagegen versteht Ken nicht mehr. Sie hätten für etwas gestimmt, das nie klar definiert war: "Es gibt so viele Definitionen vom Brexit, wie es Politiker gibt", macht er deutlich. Großbritannien habe sich verändert. Er kennt seine Heimat als ein offenes, inklusives. Jetzt hat er einen ganz anderen Eindruck. "Es ist nicht mehr wie früher."

Dogmen statt Fakten

In der Politik gehe es längst nicht mehr um Fakten, sondern um Dogmen und Ideologien. "Entscheidungen sollten doch zugute der Menschen getroffen werden", sagt er dann: "Das ist aus dem Blick geraten." Stattdessen zerfleischen sich die Parteien selbst. May muss nicht nur mit der Opposition, sondern auch mit Gegnern aus den eigenen Reihen zurechtkommen.

„Die Briten sind ziemlich stur“, findet Ken. Er spricht von ihnen, als zählte er sich schon gar nicht mehr richtig dazu. Er fühlt sich wie ein Europäer, sagt er: „Aber wir waren immer eine ausgewanderte englische Familie.“ Mit der Zeit sei sie immer deutscher geworden.

Inzwischen habe er eine „größere Affinität zu Deutschland“, betont er. Seine Zuneigung zu seiner Heimat dagegen werde immer geringer. Für seine Frau Nathalie sei das alles nicht so einfach, sagt Ken. Sie habe eine stärkere Bindung zu ihrer in England lebenden Familie. „Es wird am Anfang vielleicht schwierig sein“, vermutet Ken. „Aber es wird eine Lösung geben müssen.“

Das allerdings hatte er auch über den Brexit vermutet. „Wir können mit einem ‚no deal’ umgehen“, meint Ken zu wissen. „Wir können überleben.“ Aber eigentlich will er mehr für sein Land. Und mehr für Menschen wie ihn, die „forgotten three million“ – die drei vergessenen Millionen Briten in der EU, die einer ungewissen Zukunft entgegenblicken.

Rechtslage für Briten in Deutschland

Das Vereinigte Königreich wird voraussichtlich am 29.03.2019 um Mitternacht die Europäische Union verlassen. Noch ist offen, unter welchen Bedingungen. Was dann für Briten in Deutschland gilt:
 

  • In jedem Fall werden britische Staatsangehörige zukünftig für ihren Aufenthalt in Deutschland einen sogenannten Aufenthaltstitel oder einen anderen Nachweis über ihr Aufenthaltsrecht benötigen, etwa eine Arbeit, der sie hier nachgehen. Auch, wenn der Brexit-Vertrag zustande kommen sollte.
  • Die Bundesrepublik hat festgelegt, dass britische Staatsbürger im Fall eines ungeregelten Austritts in den ersten drei Monaten in Deutschland zunächst davon befreit sind, einen Aufenthaltstitel zu beantragen.
  • Bis zum 30.06.2019 sollen dann aber alle britischen Staatsangehörigen bei ihrer zuständigen Ausländerbehörde einen Aufenthaltstitel beantragen. Bis über den Antrag entschieden ist, dürfen Briten sich weiter in Deutschland aufhalten und ihrer Arbeit nachgehen. (mim)