Das Bild von der Einkreisung Russlands durch EU und Nato, wie es die schneidige Dame in Rot jetzt wieder im Bundestag beschworen hat, ist alles: bewegend, tragisch, einleuchtend. Aber es ist hoffnungslos krude. Dass der Westen die Schwäche Russlands nach dem Zerfall der Sowjetunion ausgenutzt hat, ist unbestreitbar. Aber wie hätte es anders kommen sollen? Hätte der Westen seine neue oder besser: seine alte, aber jetzt neu befreite Anziehungskraft für die Gesellschaften Ostmitteleuropas etwa ignorieren sollen – zurückstoßen zugunsten eines autoritären geopolitischen Arrangements zwischen den Großmächten? Es hätte ihn als Westen ruiniert und aufgehoben. Hätten die EU und das transatlantische Militärbündnis die erklärte Westorientierung aller ehemaligen Ostblockstaaten und einiger früheren Teilrepubliken der Sowjetunion abweisen und missachten sollen? Sie etwa so hinhalten, auf Distanz halten sollen wie heute Georgien und die Ukraine? Alles im Interesse der Besänftigung einer gekränkten, beleidigten, in ihrem Selbstbewusstsein erschütterten Großmacht Russland?

Auch wer sich weigert – in Vertauschung von Frieden und verordneter, erzwungener Stabilität – , die kollektiven Rechte ausnahmslos aller dieser Völker anzuerkennen, sollte in der faktischen Politik genau hinschauen. Wladimir Putin selbst reicht nicht entfernt an die moralisch hoch aufgeladene Geschichtserzählung von der späten Gerechtigkeit für Russland heran – nicht an das vermeintliche Drama von der Wiederherstellung des Ranges, wie er dieser großen Völkergemeinschaft in der Welt fraglos zukomme. Die Annexion der Krim, nicht nur in Russland selbst diesem Ringen um Anerkennung, Respekt, weltpolitische Normalität zugeordnet, scheint jedenfalls akut improvisiert und erst im allerletzten Moment vom Zaune gebrochen worden zu sein.

Wenn man dem amerikanischen Russlandexperten Daniel Treisman von der University of California folgen darf, hat Wladimir Putin bis Tage vor der Entscheidung zur militärischen Invasion der Krim noch geglaubt, Wiktor Janukowytsch sei zu halten („Why Putin Took Crimea“, in: „Foreign Affaires“. Bis dahin also noch kein Gedanke an Okkupation.

Putin, der Spieler

Das ist nicht die Figur eines in großen Zusammenhängen denkenden patriotischen Staatsmannes. Freilich auch nicht die eines russischen Neo-Imperialisten. Es ist vielmehr das Profil eines Spielers ohne Sicht und Plan. Auch nicht beruhigend aus westlicher Perspektive. Anfang 2014 greift Putin unter dem Druck eines Umbruchs, den er in seiner Unumkehrbarkeit gar nicht versteht, zum Mittel von Gewalt und Krieg.

Umso mehr stellt sich die Frage, warum ihm die russische Gesellschaft diese bloß taktische Wendigkeit und Skrupellosigkeit – ohne strategische Stringenz, ohne Vision – so enthusiastisch abnimmt. Hier wäre das immer wieder geforderte Verständnis für Russland einmal unverzichtbar. Niemand sollte so tun, als komme ihm der Schmerz der Russen beim Abschied von vergangener staatlicher Größe exotisch, absurd, verrückt vor. Wir sind in Europa Experten für Verletzungen dieser Art. Spanien, Portugal, Frankreich, Großbritannien – sie alle mussten einmal damit zurechtkommen.

Der Verfasser lebt und arbeitet als Historiker in Konstanz.