Es ist lange her, aber viele werden sich gut erinnern: Ein US-Präsident wurde mit einer Praktikantin im Weißen Haus des Oval Office so intim, dass dieses Büro zeitweise als „Oral Office“ in den Schlagzeilen der US-Presse stand.

Die Sex-Affäre mit Monica Lewinsky hätte Bill Clinton beinahe um sein Amt gebracht – nicht weil der Präsident einen Seitensprung begangen, sondern weil er bei einer Befragung gelogen hatte. Das waren noch Zeiten in Washington!

Der Twitter-Präsident

Wie anders ist die Lage heute. Beinahe täglich erfährt die Welt von Trumps offensichtlichen Lügen, Falschbehauptungen und Halbwahrheiten, die er über Twitter verbreitet. Vor seinem Amtsantritt hatte er Affären, er äußerte sich wie einer, der Frauen vorwiegend als Sexualobjekte betrachtet und ließ auch Kritik daran an sich abperlen.

Fähnchen und Jubel

Fast schlimmer als das Macho-Gebaren Trumps ist die Reaktion tausender amerikanischer Frauen: Sie schwenken bei seinen Auftritten Fähnchen und machen keinen Hehl daraus, dass sie diesem Mann 2020 wieder ihre Stimme geben wollen. Das Gleiche gilt für Trumps männliche Wähler: Obwohl im industriell ruinierten Rost-Gürtel der USA kein Wirtschaftswunder gezündet hat, tun viele Männer dort so, als habe Trump alles richtig gemacht. Was ist nur mit den sonst so wertkonservativen Amerikanern los?

Sicher ist: Das Fassadenhafte, das Sprunghafte und das Porzellanzertrümmernde an der Politik des Präsidenten sowie seine für Außenstehende peinliche Art der Selbstinszenierung hätten in normalen Zeiten einen Rücktritt nach wenigen Wochen nahegelegt. Aber sind diese Zeiten normal?

Die Quittung bleibt aus

Nein, das sind sie nicht. Politik kann heute – und nicht nur in den USA – hemdsärmelig, holzschnittartig, blind für ökonomische Vernunft und vor allem gesellschaftlich spalterisch sein, ohne dass die Menschen dafür eine Quittung präsentieren. Wir sehen diese Tendenzen auch bei uns, mitten in Deutschland, etwa in Thüringen. Die Partei eines Björn Höcke, den man ungestraft einen Faschisten nennen darf, holt bei Landtagswahlen mehr als 20 Prozent. Rechtspopulistisches Gequatsche – früher selbst auf der Rechten ein No go in der Politik – schadet nicht mehr, sondern bringt massenhaft Stimmen.

Sehnsucht nach gestern

Auf der Suche nach Gründen landen wir schnell bei der Angst. In den USA ist es die Schicht des konservativen Mittelstands, die sich abgehängt, von Chinesen fertiggemacht oder von Latinos ersetzt fühlt. Sie fordert Jobs, möglichst da, wo man früher auch malocht hat, bei Kohle und Stahl.

Thüringen dagegen ist nicht Amerika.

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Hier geht es AfD-Wählern um nationale Selbstbehauptung in einer als überfremdet empfundenen Heimat. Hier ist es die Angst vor Zuwanderung, die sich epidemisch der Köpfe bemächtigt. Das ist das wertvollste Kapital der Populisten, ob sie Trump oder Höcke heißen. Solange die Angstwelle rollt, haben sie Oberwasser.

Das nebulöse Sprechen

Auch die Art des Sprechens verbindet Trump mit den Populisten hierzulande: Beim Backenaufblasen bleibt man verschwiemelt, puddinghaft und vage. Nur nicht festnageln lassen! Was heute ausgesprochen wird, muss morgen als „nicht so gemeint“ wieder flexibel rücknehmbar sein. Eine Masche ohne Seriosität, die aber funktioniert.

Die Leichtgewichtler

Ohne die teils durchaus verständlichen Vorbehalte und Ängste der Menschen, die vom tatsächlich erreichten Wohlstand unbeeinflusst sind, wären geistige Schmal-Sortimenter wie Gauland, Weidel und Meuthen abgemeldet. Kaum einer würde ihnen zuhören, weil sie zu den substanziellen politischen Themen – Arbeit, Rente, Gesundheit, Familie – nichts Tragfähiges beisteuern können.

Wird der Höhenflug des Rechtspopulismus irgendwann eine Bauchlandung erleben? So schnell sicher nicht. Aber alle Angst-Zyklen, die die Bundesrepublik in den 70 Jahren ihrer Geschichte durchgemacht hat, waren nie von Dauer. Alles hat seine Zeit. Aber eines ist auch wahr: Eine Angst wird von einer anderen Angst abgelöst. Wir Deutsche sind darin besonders talentiert.