Wer jetzt niedergeschlagen ist, sollte sich vielleicht fragen, warum er es ist. Hinter der Entscheidung der Briten, aus der EU auszutreten, stand nicht zuletzt die Einwanderungsfrage. Zu viele Ausländer, zu viele auch aus Osteuropa, besonders aus Polen. Aber was ist diese Abwehrreaktion schon verglichen mit dem umfassenden Scheitern der EU in der Flüchtlingsfrage? Ist es so wichtig, ob Europa sich nun zusammen mit den Briten einmauert oder ohne sie?

Eine andere aktuelle Herausforderung Europas sieht ohne Großbritannien freilich anders aus: Ohne diesen alten, selbstbewussten, handlungsfähigen und wenn nötig auch militärisch kampfbereiten Machtstaat stehen wir dem autoritären und aggressiven Russland gegenüber schwächer da. Trotz Nato, die sich nicht verabschiedet. Politisch, strategisch gesehen wird in der Auseinandersetzung mit der unberechenbaren, feindselig anti-europäischen Politik von Präsident Putin jetzt Deutschland noch einflussreicher. Deutschland mit seinem historisch tief verwurzelten, habituell unwiderstehlichen, mehrheitsfähigen, immer auch im ökonomischen Eigennutz verankerten Hang zur Nachgiebigkeit und zum Appeasement. Mit Blick auf die südeuropäischen Länder und auf das zur Zeit führungslose und in sich selbst verstrickte Frankreich kann man sagen: Wir sind jetzt mit Deutschland allein. In Westeuropa zumindest – aber welcher Verlass wäre in dieser Hinsicht auf EU-Mitgliedsstaaten wie Tschechien oder Ungarn? Andersherum gesagt: Die spezielle Bedrohungslage, die Ausgesetztheit der Ukraine dürfte sich mit dem Rückzug Großbritanniens aus der EU noch einmal verschärfen.

Oder griffe das alles zu kurz und läge unsere Betroffenheit vor allem an dem bösen Spiel, das beim Brexit mit der Demokratie getrieben worden ist? An der extremen Verantwortungslosigkeit der führenden britischen Politiker, die eine Entscheidung von so unabsehbarer Tragweite – die Positionierung eines ganzen Landes in der Welt – parteitaktisch, elitär-machpolitisch instrumentalisiert haben und jetzt blank und ohne Plan dastehen? Das ist kein Vorgang, der sich einfach auf die Insel abschieben und als ein isolierter Sonderfall betrachten ließe. Dafür ist der Hunger nach Demokratie, nach mehr Demokratie in ganz Europa inzwischen viel zu groß und drängend geworden. Das Referendum ist gedacht als ein Verfahren, das die repräsentative Demokratie an ihren eigenen, aber immer wieder unerfüllten, ungestillten Legitimationsbedarf erinnert, wie es das Schweizer Modell exemplarisch ausgestaltet hat. Im Brexit ist das Verfahren jetzt zur plebiszitären Aushebelung und Überwältigung der parlamentarischen Demokratie missbraucht worden.

Die Frage ist, was diese Perversion der Volksabstimmung für den Rest Europas bedeutet. Die Analyse der britischen Abstimmung zeigt etwa, dass hier manches durcheinander gegangen ist. So scheint im Nordosten Englands, wo mehr als 60 Prozent der Menschen für den Brexit gestimmt haben – gerade auch aus der Arbeiterschicht – die jahrelange sozial destruktive Sparpolitik der Regierung in London der EU angelastet worden zu sein. Lässt sich dieser Typ von Konfusion, besser: von gezielt herbeigeführter Desinformation nicht auch überall auf dem Kontinent beobachten?

Der Verfasser lebt und arbeitet als Historiker in Konstanz