Vieles an Großbritanniens neuem Premierminister erinnert an Donald Trump. Die blondierte Wuscheltolle. Die halbstarken Sprüche. Die Herabwürdigung des politischen Gegners. Ein hemmungsloser Populist soll das Land durch eine der schwersten Krisen der Nachkriegszeit führen. Eine seiner ersten Amtshandlungen war, das Parlament mit seinen Brexit-Plänen so gegen sich aufzubringen, dass es offen rebellierte. Viele in Europa sehen es mit klammheimlicher Freude. In ihren Augen zeigt sich wieder einmal, was passiert, wenn Populisten an die Macht kommen: Gestern erst den Mund voll genommen, heute gegen die Wand gelaufen. Pech gehabt, Mister Johnson!

Man sollte sich nicht täuschen. Als Paradebeispiel, wie sich nationalistische Blender selbst ein Bein stellen, taugt Boris Johnson nicht. Ob er sich wirklich verzockt hat, muss sich erst noch herausstellen. Formell hat der Premier eine ganze Reihe von Niederlagen erlitten. Entscheidend ist, ob sie von den Wählern als solche wahrgenommen werden – erst recht, wenn es zu Neuwahlen kommen sollte. Viele Briten haben die Nase voll vom ewigen Brexit-Chaos in Westminster. Sie wollen in dieser zugespitzten Lage keinen Zauderer an der Spitze, der mit den Abgeordneten endlos herumdiskutiert wie Theresa May. Für sie ist Johnson ein Mann, der die Ärmel hochkrempelt, den Stillstand beendet und es den Volksvertretern endlich einmal so richtig zeigt.

Boris Johnson weiß genau, was er tut

iDer Trump-Imitator in London weiß somit, was er tut. Er setzt darauf, dass sich sein Brachialstil an der Wahlurne auszahlt. Die Verhältnisse aufzumischen und die Eliten gegen sich aufzubringen, gehört zu seiner Strategie, so wie bei allen anderen großen Vereinfachern zwischen Washington und Warschau auch. Ob für die Johnsons unserer Zeit wirklich eine Ära der Entzauberung anbricht? Vorerst bleibt es wohl nur ein frommer Wunsch.

Realistischer ist die Befürchtung, dass Europa weiter mit der Herausforderung von rechts leben muss. Von selbst löst sich sich dieses Problem nicht mehr, auch wenn der Populismus derzeit überall an Grenzen stößt. In Italien wurde Hardliner Salvini abserviert; der bisherige Koalitionspartner, die Fünf-Sterne-Bewegung, regiert fortan mit den Sozialdemokraten. Der FPÖ in Österreich ging es nicht besser, sie versank im Strudel einer unappetitlichen Affäre. In drei Wochen wird dort gewählt, doch erstaunlicherweise hält sich der Schaden für die Rechten laut Umfragen in Grenzen. Auch Salvini wartet auf seine Revanche. Das Umfallen des Koalitionspartners betrachtet er als willkommene Munition für den Wahlkampf.

Wie umgehen mit der AfD?

Auch in Deutschland wachsen für rechte Populisten die Bäume nicht in den Himmel – doch sie wachsen. Bei den Landtagswahlen im Osten legte die AfD deutlich zu, auch wenn sie ihr Ziel, stärkste Kraft zu werden, deutlich verfehlte. Rechte Strömungen und Parteien, das wird immer deutlicher, lassen sich aufhalten. Dies gelingt aber nicht, indem man sie und ihre Forderungen verteufelt. Wer ihnen Stimmen abjagen oder sie gar aus den Parlamenten vertreiben will, muss wohl oder übel deren Wähler überzeugen. Das ist mühsam und stellt alle bisherigen Abschottungsstrategien in Frage.

Vor allem aber zwingt dieser Weg die etablierten Parteien, sich mit den Fragen zu beschäftigen, die die Wähler der AfD umtreiben. 58 Prozent der Sachsen sagten in einer Infratest-Umfrage zur Landtagswahl, die AfD spreche aus, was in anderen Parteien nicht gesagt werden dürfe. Jeder zweite Befragte im Freistaat hielt die Migrationspolitik der AfD für richtig. 77 Prozent aller Sachsen wiederum bemängelten an der AfD, sie distanziere sich nicht genug vom Rechtsextremismus. Es können also nicht alles Nazis und Halbnazis sein, die am vergangenen Sonntag ihr Kreuz bei dieser Partei machten. Die Höhenflüge der AfD sind nur möglich, weil ein Teil ihrer Wähler auf diese Weise die etablierten Parteien zu einer Kurskorrektur zwingen will. Die AfD wählen sie nicht wegen, sondern trotz ihres Personals.

Wo das Zuhören endet

Verloren sind diese Wähler für CDU und SPD somit keineswegs. Ansprechbar sind sie allerdings nur, wenn sie über heikle Punkte offen reden können – Zuwanderung, innere Sicherheit, mancherorts auch die Moschee im Stadtteil. Eine Demokratie muss das aushalten. Das Zuhören endet dort, wo Aussagen menschenfeindlich werden: Mit Rassisten und Ausländerhassern gibt es nichts zu diskutieren, da hilft nur die rote Karte. Auch Boris Johnson überschreitet diese Grenze. Seine Bemerkungen über verschleierte Frauen und schwarze Babys sind eines Premierministers nicht würdig, von seiner Kriegsrhetorik gegenüber der EU ganz zu schweigen. Sie zeigen, wozu Populisten fähig sind. Gerade deshalb brauchen er und seinesgleichen wache Bürger.