Der SPD-Politiker Olaf Scholz überrascht die Nation mit der Forderung nach einer Rentengarantie bis ins Jahr 2040. Als Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland müsste er eigentlich besser rechnen können und wissen, was es bedeutet, wenn auf einen Rentner nur noch zwei Beitragszahler kommen. Doch darum geht es dem Minister nicht. Scholz bemüht eine andere, durchaus interessante Begründung. Stabile Renten, so sagt der Genosse aus Hamburg, verhindern einen deutschen Trump. Wer in der Sozialpolitik das Vertrauen der Bürger verscherze, treibe die Wähler ins Lager der Nationalisten und Populisten – auch in Deutschland.

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Welche Folgen die Wanderung nach rechts für die politische Stabilität hat, zeigt sich derzeit in Sachsen. Hier demonstriert noch allwöchentlich die Pegida. Ein überforderter CDU-Ministerpräsident kämpft gegen eine wachsende AfD und die Polizei muss sich peinliche Fragen nach rechter Unterwanderung stellen lassen. Mit schlecht kalkulierten Rentenversprechen lassen sich solche Zustände gewiss nicht verhindern.

Doch Scholz geht es um den Blick darüber hinaus. Der Minister stützt sich bei seinen Überlegungen auf ein Buch, das in den USA Furore gemacht hat: "Hillbilly Elegy" von J. D. Vance. Der Schriftsteller und ehemalige Unternehmensberater beschreibt die Abstiegsängste der weißen Arbeiterschicht in den Weiten des ländlichen Amerika, fernab der großen Städte. Dort werden Fabriken geschlossen und Beschäftigte in die Arbeitslosigkeit geschickt, weil die Chinesen billiger und die Deutschen hochwertiger produzieren. Ihre Arbeitskraft ist in der globalisierten Welt nicht mehr gefragt. In ihrem Frust wählen sie einen Präsidenten, der ihnen verspricht, den Politikbetrieb aufzumischen, die ausländische Konkurrenz mit Strafzöllen fernzuhalten und im Übrigen Amerika wieder groß zu machen.

So weit ist es in Deutschland noch lange nicht. Ein deutscher Trump, eine Figur, die das Lager der Wutwähler einen könnte, ist im hiesigen Politikbetrieb nirgendwo in Sicht. Dennoch ist einiges in die Schieflage geraten. Trotz Hochkonjunktur und faktischer Vollbeschäftigung wachsen Ängste – vor dem Abstieg, vor Unsicherheit, vor Veränderung, vor dem Fremden. Eine Folge davon sind die Pegida-Flaggen durch Dresden. Der parlamentarische Arm dieser Szene sitzt in Gestalt der AfD im Bundestag sowie in 14 Landtagen. Laut Umfragen kommen CDU, CSU und SPD zusammen nicht einmal mehr auf 50 Prozent: Im Lauf der vergangenen 20 Jahre ist den Volksparteien irgendwann das Volk abhanden gekommen. Die SPD muss inzwischen fürchten, von der AfD überholt zu werden. Diese Vorstellung erklärt, warum Olaf Scholz tief in die Mottenkiste seiner Partei greift und das Versprechen einer abenteuerlich langfristigen Rentengarantie hervorkramt. Wenn schon niemand mehr die SPD wählen will, dann vielleicht wenigstens die Rentner?

Populismus kann man aber nicht mit Populismus bekämpfen, sondern nur mit der Lösung von Problemen, die die Bürger umtreiben. Wer Wähler zurückgewinnen will, muss erst einmal deren Sorgen und Motive verstehen. Jedes dritte Kreuz für die AfD, so sagt eine Analyse der CSU, kommt von Protestwählern. Sie stimmten bisher vor allem für Union und SPD, sind mit deren Kurs aber nicht mehr einverstanden. Jetzt wählen sie, heimatlos geworden, die Rechten, um ihrer alten Partei eine Botschaft zu senden. Für die etablierten Parteien sind diese Wähler keineswegs verloren. Ansprechbar sind sie aber nur, wenn sie sich mit ihren Anliegen ernst genommen fühlen, statt in die rechte Ecke geschoben zu werden.

Anders ist es beim harten Kern der AfD. Diese Wähler stimmen nicht aus Enttäuschung für die Rechtsnationalen, sondern weil sie die Welt so sehen wie die Weidels und Gaulands dieser Republik. Hier stoßen alle Rückeroberungsstrategien an Grenzen. Auch die CSU hat dies mittlerweile begriffen: Im Wettlauf der Populisten wählen die Bürger lieber das Original. Wer durch Anbiederung rechts einen Wähler gewinnt, verliert drei andere in der Mitte. Hier gibt es nur eines: Abgrenzung. Eine klare Kante hilft mehr als das Nachplappern von starken Sprüchen.

Vollständig Hopfen und Malz verloren ist am rechten Rand dieses Sammelbeckens. Dort tummeln sich Ausländerhasser, Rassisten, Halbnazis und Schlimmeres. Die AfD-Spitze lässt sie gewähren, solange sie nicht gerade Graf Stauffenberg als Verräter bezeichnen. "Absaufen! Absaufen!", skandierten kürzlich Pegida-Demonstranten in Dresden, als ein Redner gegen die Seenotrettung im Mittelmeer wetterte. Mit solchen Zynikern gibt es nichts zu diskutieren: Sie wollen keine andere Politik, sondern eine andere Republik. Statt eines Gesprächsangebots brauchen sie eine klare Ansage. Auf die sächsische Landesregierung, so viel steht fest, sollte dabei niemand warten.

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