Am Mittwoch wird SPD-Chef Martin Schulz Kanzlerin Angela Merkel und Horst Seehofer einen Wunschzettel präsentieren, der es in sich hat. Die Liste der Forderungen, an deren Erfüllung seine Partei ihr Ja zu einer Neuauflage der Großen Koalition knüpft, ist lang. Bei der Union tönt es dagegen, dass die Kompromissbereitschaft Grenzen hat. Ein Selbstläufer wird eine neue GroKo also keinesfalls, zumal auf dem SPD-Parteitag klar wurde, dass viele Strategen grundsätzliche Bedenken hegen.

Weitere vier Jahre als Juniorpartner einer Merkel-Regierung, so fürchten sie, würde die zur 20-Prozent-Partei geschrumpfte SPD noch tiefer in den Abgrund reißen. Dabei gibt es – was die Umsetzbarkeit politischer Vorhaben betrifft – für die Sozialdemokratie durchaus Chancen. Bei manchen Themen muss die Union der SPD gleich entgegenkommen. Das Rückkehrrecht von einer Teilzeit- auf eine Vollzeitstelle war Gegenstand des Koalitionsvertrags von 2013, wurde aber nicht umgesetzt. Zur Bekämpfung der Wohnungsnot bekennt sich nicht nur die SPD, auch die Union will aktiv werden.

Trotz unterschiedlicher Auffassungen im Detail wollen Konservative wie Sozialdemokraten in die Bildung investieren. Angesichts hoher Steuerüberschüsse sind die Spielräume dafür vorhanden. Dies gilt auch für die Ankündigung, die Polizei zu stärken – auch da liegen beide Lager eng beisammen.

Zündstoff bietet die Europapolitik. Doch wenn Schulz die „Vereinigten Staaten von Europa“ bis 2025 fordert, weiß er, dass das eine Bundesregierung nicht so einfach beschließen kann. Angesichts der Euro-Skepsis in vielen östlichen EU-Ländern wird sein Vorstoß kein großes Echo finden. Auf ein Bekenntnis zum Europäischen Gedanken und auf verstärkte Anstrengungen etwa beim Schutz der Außengrenzen aber könnte sich eine schwarz-rote Bundesregierung einigen. Das Thema Rente ist von so vielen Unwägbarkeiten geprägt, dass es sich wunderbar auf die lange Bank schieben lässt. Die Partner könnten vereinbaren, Lösungen in einem fortlaufenden Prozess auszutüfteln. Explosiver ist der Bereich Gesundheit. Die SPD will die private Krankenversicherung abschaffen. Doch so vehement die Genossen die Bürgerversicherung fordern, so kategorisch lehnen sie die Konservativen ab. Wenn das Thema die Koalition nicht verhindern soll, muss ein gesichtswahrender Kompromiss her. Man könnte etwa Leistungsunterschiede zwischen den Versicherungen abbauen.

Bei der Zuwanderung liegen die beiden Parteien nicht so weit auseinander, wie es oft den Anschein hat. Die SPD fordert ein Einwanderungsrecht, das den Zuzug von Arbeitskräften regelt. Das erinnert stark an das Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz aus dem Wahlprogramm der Union. Eine Obergrenze für Flüchtlinge, lange Kernforderung der CSU, lehnt die SPD ab. Doch das tut auch Angela Merkel. Der Unions-Kompromiss sieht einen flexiblen Richtwert für die Aufnahme von Geflüchteten vor, der bei 200 000 Menschen pro Jahr liegen soll. Außenminister Sigmar Gabriel hat darauf hingewiesen, dass die Kapazitäten für Aufnahme und Integration nicht unbegrenzt seien. Die Aussetzung des Familiennachzug für Flüchtlinge mit eingeschränkten Schutzstatus will die SPD nicht weiter verlängern – im Gegensatz zu vielen Unionspolitikern.

In der Frage des Klimaschutzes dürfte eine Einigung sogar einfacher sein als in der Jamaika-Runde, in der die Grünen erbittert für einen Kohleausstieg gekämpft hatten. Noch immer sind die Stimmen der Bergleute stark in der SPD. Sie fordern einen behutsamen Rückzug aus der Kohleverstromung – wie die CDU.

So zeigt die Gesamtschau: In einer Fortsetzung der Großen Koalition würden zwar nicht alle sozialdemokratischen Träume wahr werden. Doch für die waidwunden Genossen ist die Gelegenheit, einer ebenfalls angeschlagen Union die Erfüllung einiger Herzenswünsche abzutrotzen, so günstig wie selten zuvor.