Die kräftige Männerhand wurde mir mit den besten Absichten entgegengestreckt. An einem Abend, an dem ihr Besitzer und ich über vieles gesprochen und über manches kontrovers diskutiert hatten. Und dann geschah es. „Wir sollten Du sagen. Ich bin der …“. Und, nicht ohne das Gefühl des Geschmeicheltseins, retour: „Ja, dann bin ich der Jörg-Peter“. So kam es, dass der Mann, über den oft in der Zeitung geschrieben wurde, und der Mann, der viele dieser Texte verfasste, plötzlich per Du waren.

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Wie kommt es bei den Kunden und in der Öffentlichkeit an, wenn es offenbar ein besonderes Vertrauensverhältnis zwischen einem Politiker und einem Journalisten gibt? Sind die beiden denn jetzt Kumpels – oder vielleicht gar Kumpane? Schreibt der Zeitungsmann dann womöglich für seinen Duzfreund und nicht mehr für seine Leserinnen und Leser? Hätte ich die ausgestreckte Hand zurückweisen sollen mit einem jener Sätze, die einem in der Regel zu spät einfallen: „Danke, das Angebot ehrt mich wirklich, aber ich glaube, es passt nicht zu den beiden Rollen, die wir jeweils innehaben.“

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Willkommen im Leben des Lokalredakteurs.

Er ist gleichzeitig Teil und Spiegelbild einer Gemeinschaft. In der bürgerlichen und medialen Instrumentierung unserer Städte und Dörfer gehört er zum Ensemble und soll zugleich der Konzertkritiker sein. Diejenigen, über die er berichtet, sind seine anspruchsvollsten Leser. Was auch immer er über jemanden schreibt – er könnte ihm am nächsten Tag wieder begegnen.

Ja, das alles hat auch etwas mit Pressefreiheit zu tun.

Zwänge und Restriktionen gibt es auch in freien und offenen Gemeinwesen wie den Städten und Dörfern im friedlichen Süden von Baden-Württemberg. Die Erwartung wird dann meist mit einem Wort umschrieben: Neutralität. Aber kann es die überhaupt geben? Und wie soll es gehen, dass neutrale Menschen ihre Aufgabe mit Herzblut anpacken? Wollen wir in unseren Gemeinschaften Journalisten, die sich von Wahlen fernhalten, keine Freunde haben, sich in keinem Verein engagieren, sich nicht über Dinge freuen oder aufregen?

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Wenn mich Gesprächspartner zu Neutralität auffordern, halte ich ihnen entgegen: Wissen Sie, ich bin nicht nur Journalist. Ich bin auch Bürger dieser Stadt, Wähler, Steuerzahler, Vereinsmitglied, Schulkinder-Vater. Neutral zu sein, das ist schon deshalb schwierig, weil eben niemand auf eine einzige Rolle reduziert ist. Wir Journalisten können aber etwas anderes versprechen. Wir haben hier vor Ort, Gott sei Dank, die Freiheit, dass wir selbst darüber entscheiden können, wie wir es mit Nähe und Distanz halten. Wie nah müssen wir ran, um etwas genau und im Detail zu erkennen? Wie weit sollten wir zurücktreten, um den Überblick nicht zu verlieren? Wie viel Vertrauen wollen wir geben oder in Anspruch nehmen, wie viel Skepsis müssen wir uns bewahren?

Leser – ob sie ein Amt, ein Mandat, eine Funktion im Ort haben oder nicht – sollten von Lokaljournalisten verlangen, dass diese sich nicht nur mit ihren Themen, sondern zugleich ihrer ebenso schönen wie anspruchsvollen Aufgabe als solcher auseinandersetzen.

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Als vor einem Jahr der Skandal um die gefälschten Reportagen von Claas Relotius Deutschland schockierte, war die Bestürzung auch in den Lokalredaktionen groß. Laufen auch wir Gefahr, Geschichten zu erfinden? Ausschließen kann das niemand, aber nirgends ist das Regulativ so mächtig wie im Lokalen. Im Lokaljournalismus sind die Menschen, über die berichtet wird, und, die es dann lesen, dieselben. Damit ist ein hohes Maß an Kontrolle und Kontrollierbarkeit sichergestellt. Das schließt Fehler nicht aus, aber bewusste Fälschungen fliegen sofort auf.

Im besten Fall ist jeder Beitrag eines Lokaljournalisten zugleich ein Statement für die Pressefreiheit.

Im schlechtesten Fall ist er ein Kniefall vor Einzelinteressen oder ein Zeugnis von eigener Befangenheit. Ein Bewusstsein für die eigene Rolle im Gemeinwesen: Leser sollten es von Journalisten erwarten – und sie können es in aller Regel auch. Diese Aussage traue ich mir nach Jahrzehnten im Geschäft und an der Seite von unzähligen Lokaljournalistenkollegen zu.

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Am Ende geht es nicht nur um Inhalte, sondern auch um Haltung.

Gute Lokaljournalisten machen sich weder vom Wohlwollen noch von der Verachtung bestimmter Personen abhängig. Sie nehmen die Menschen, wie sie sind, und treten ihnen und ihren Anliegen im besten Sinne neugierig und unvoreingenommen entgehen. Das tun zu dürfen, ist eine kostbare Freiheit. Wer sich an ihr versündigt, beschädigt seinen Berufsstand und verhöhnt zugleich die Kolleginnen und Kollegen, die anderswo auf der Welt unter unendlich schwierigeren Bedingungen für die Pressefreiheit kämpfen.

Ja: Ein guter Lokaljournalist hat ein stabil geknüpftes Netzwerk.

Er weiß, wo die besonders belastbaren Knoten sind. Er ist sich bewusst, dass dieses Netzwerk nicht auf die Erzielung von Beute ausgerichtet ist, sondern als Plattform für eigene Entscheidungen dient. Und er vergisst nicht, dass ein Netzwerk vor allem durch die offenen, die freien, die durchlässigen Zwischenräume gekennzeichnet ist. Mindestens genauso wichtig wie dieses Netz ist aber der beständige, prüfende Blick darauf. Denn das Netzwerk kann, darf, soll im Laufe der Jahre größer und enger werden. Worin sich ein Lokaljournalist aber niemals wiederfinden darf: im Filz.

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Die einst freundschaftlich ausgestreckte Männerhand gehörte übrigens dem damals amtierenden Landrat Frank Hämmerle.

Im Gespräch: Der damalige Landrat Frank Hämmerle und SÜDKURIER-Redakteur Jörg-Peter Rau im Oktober 2015.
Im Gespräch: Der damalige Landrat Frank Hämmerle und SÜDKURIER-Redakteur Jörg-Peter Rau im Oktober 2015. | Bild: Hanser, Oliver

Ich habe ihn stets sehr geschätzt und tue es bis heute. Das Du hat mich nie zu etwas verpflichtet, und ich habe mich keine Sekunde lang dafür geschämt. Aber ich hätte damals bis zu seiner Verabschiedung aus dem Amt warten sollen. So ist es, wenn die Frage von Nähe und Distanz jeden Tag neu zu verhandeln ist: Man lernt nie aus.