Wenn der türkische Präsidentenjet an diesem Donnerstag auf der Landebahn des neuen Istanbuler Großflughafens aufsetzt, ist das der symbolische Abschluss eines gewaltigen Projekts. In nur vier Jahren haben die Türken nördlich der Bosporus-Metropole am Schwarzen Meer auf 7500 Hektar einen Flughafen aus dem Boden gestampft, der im Endausbau 150 Millionen Passagiere im Jahr bewältigen und als Drehkreuz im internationalen Luftverkehr den Knotenpunkten in Frankfurt oder London den Rang ablaufen soll.

Bisher hat es zur Vorbereitung der Eröffnung im Oktober nur Testflüge der Luftfahrtbehörde auf dem neuen Flughafen gegeben, doch nun will Präsident Recep Tayyip Erdogan ganz offiziell ein Zeichen setzen. Der Staatschef braucht dringend eindrucksvolle Fernsehbilder als Ausdruck der Erfolge seiner Politik: Seine Ankunft am neuen Flughafen drei Tage vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am Sonntag ist gewissermaßen eine Notlandung – ein Zeichen von Panik. Und es ist nicht das Einzige.

Erdogan könnte einen Erfolg im ersten Wahlgang verpassen

Der neue Istanbuler Flughafen gehört zu einer Reihe von Großprojekten, die aus Erdogans Sicht eine neue Türkei versinnbildlichen. Seine Partei AKP verweist auf neue Brücken, Tunnel und Autobahnen als Zeichen eines modernen Landes. In den kommenden Jahren will Erdogan sogar einen neuen Bosporus graben lassen: eine künstliche Wasserstraße zwischen dem Marmara-Meer und dem Schwarzen Meer.

Allerdings ist die rechte Begeisterung der Wähler bisher ausgeblieben. Viele Umfragen sagen einen Sieg der Opposition bei der Parlamentswahl am Sonntag voraus. Bei der gleichzeitig stattfindenden Präsidentenwahl könnte der seit 15 Jahren stets siegreiche Erdogan trotz seiner ungebrochenen Beliebtheit bei vielen konservativen Anatoliern einen Erfolg im ersten Wahlgang verpassen.

Wenn es so kommt, muss sich der 64-jährige am 8. Juli einer Stichwahl stellen. In der AKP gehe die Angst vor einer Niederlage um, schrieb der prominente Journalist Fatih Altayli in der Zeitung „Habertürk“. Nur ein Wunder könne ein Debakel noch abwenden, will Altayli von frustrierten AKP-Funktionären gehört haben.

Erdogan wirft alles in die Schlacht

Offiziell ist von mieser Stimmung natürlich keine Rede. Doch nicht nur die Flughafen-Aktion zeigt, dass sich Erdogan und seine Partei eines Sieges alles andere als sicher sind. Wachsende Wirtschaftsprobleme und eine angriffslustige Opposition haben die AKP zum ersten Mal seit ihrem Regierungsantritt im Jahr 2002 in die Defensive gedrängt.

Muharrem Ince, Präsidentschaftskandidat der Oppositionspartei CHP, prangert Korruptionsfälle an, um die andere Politiker bisher einen großen Bogen machten. So fordert er Aufklärung der Umstände eines Autounfalls von Präsidentensohn Burak Erdogan im Jahr 1998. Damals überfuhr Burak Erdogan eine Fußgängerin, kam aber dank eines Verkehrsgutachters ungeschoren davon; der Gutachter wurde mit einem hohen Beamtenposten belohnt.

In seiner Bedrängnis wirft Erdogan in letzter Minute alles in die Schlacht, was Stimmen bringen könnte. Das erklärt, warum er unbedingt noch diese Woche auf dem neuen Flughafen landen will, obwohl bis zur eigentlichen Eröffnung des Airports noch Monate vergehen werden.

Fast täglich verkündet Erdogan neue Erfolge der türkischen Militärinterventionen gegen kurdische Gruppen in Syrien und im Irak. Erdogans Außenminister Mevlüt Cavusoglu sagte, in Syrien setze sich die Türkei gegen den Willen der USA durch. Im Nord-Irak geht die türkische Armee gegen das Hauptquartier der kurdischen Terrororganisation PKK vor.

Der Kurs der Lira gegenüber dem Dollar fällt weiter

Der Präsident empfiehlt sich den Wählern auch als Tierfreund. Als Reaktion auf Meldungen über eine brutale Misshandlung eines Welpen im nordwesttürkischen Sapanca verbreitete Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak ein Video, das den Staatschef mit einem niedlichen Hund zeigt. Obwohl die AKP bisher Entwürfe der Opposition für neue Tierschutzgesetze ablehnte, verspricht Erdogan nun, nach der Wahl werde gehandelt.

Ob all das ausreicht, um Wähler von Erdogan und der AKP zu überzeugen, ist unsicher. Trotz mehrerer Interventionen der Zentralbank fällt der Kurs der Lira gegenüber dem Dollar weiter, was Importgüter für türkische Konsumenten verteuert. Mehr als 20 Prozent beträgt der Wertverlust seit Jahresbeginn.

Und trotz der Siegesmeldungen im Kampf gegen die PKK sterben fast jeden Tag türkische Soldaten bei Gefechten im Kurdengebiet. Erdogan muss kämpfen wie nie zuvor.

 

Die Kandidaten der Präsidentschaftswahl

Die türkischen Wähler haben die Wahl zwischen Amtsinhaber Erdogan, gegen den drei Männer und eine Frau kandidieren, die zusammen stark genug sein könnten, um seinen Sieg im ersten Wahlgang zu verhindern.

Recep Tayyip Erdogan: Der 64-jährige regiert die Türkei seit anderthalb Jahrzehnten und bleibt trotz seiner polarisierenden Politik und des Drucks auf Andersdenkende – besonders seit dem Putschversuch von 2016 – der mit Abstand beliebteste Politiker des Landes. Millionen von Türken bewundern den ehemaligen Bürgermeister von Istanbul als jenen Mann, der einen neuen islamisch-konservativen Mittelstand mit bisher nie gekanntem Wohlstand schuf. Doch viele junge Wähler wenden sich von Erdogan ab. Umfragen sehen ihn bei 45 Prozent. Das wäre nicht genug für einen Sieg.

Muharrem Ince: Der 54-jährige ehemalige Physiklehrer ist die große Überraschung des Wahlkampfes. Vor seiner Ernennung zum Präsidentschaftskandidaten der säkularistischen Partei CHP war Ince vor allem als innerparteilicher Rebell bekannt, der seinem eigenen Vorsitzenden Kemal Kilicdaroglu das Leben schwermachte. Im Wahlkampf hat es Ince geschafft, die tief frustrierte Anhängerschaft der CHP neu zu motivieren und Erdogan da anzugreifen, wo der Präsident am verletzlichsten ist: bei der Wirtschaftsentwicklung, die vielen Türken wegen Arbeitslosigkeit große Sorgen macht.

Meral Aksener: Die 61-jährige frühere Innenministerin und einzige Frau im Rennen um die Präsidentschaft greift Erdogan von der nationalistischen Seite an. Für Erdogan und seinen Partner Devlet Bahceli von der Rechtspartei MHP ist die Ex-Ministerin eine gefährliche Gegnerin, weil sie dieselben Wählerschichten anspricht wie sie. Als Aksener den innerparteilichen Aufstand gegen Bahceli wagte, wurde sie aus der Partei geworfen und gründete ihre eigene Organisation, die IYI Parti (Gute Partei).

Selahattin Demirtas: Während die anderen Präsidentschaftsaspiranten über die Marktplätze ziehen, muss der 45-jährige Anwalt aus Ostanatolien von einer Gefängniszelle aus zuschauen. Demirtas, früherer Chef der Kurdenpartei HDP, sitzt seit Ende 2016 wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda in Edirne an der Grenze zu Griechenland in Untersuchungshaft.

Temel Karamollaoglu: Mit seinen 77 Jahren ist der Chef der kleinen islamistischen Glückseligkeitspartei (Saadet Partisi) der älteste der Präsidentschaftskandidaten. Am liebsten hätte Karamollaoglu den früheren Präsidenten Abdullah Gül als Präsidentschaftsbewerber ins Rennen geschickt, um das große Lager der mit Erdogans Politik unzufriedenen Wähler zu einen. Doch Gül winkte ab und der 77-Jährige kandidierte selbst.