Einen schlechteren Dienst hätte die FPÖ ihre Gesinnungsfreunden in Europa nicht erweisen können. Seit Monaten träumen Rechtspopulisten in allen 28 Mitgliedsstaaten der Union davon, bei der Europawahl am Sonntag abzuräumen, um anschließend behaupten zu können, die Europäer hatten die EU satt. Ganz so einfach wird es wohl nicht. Das Beben, das Österreich in Trümmer legt, rüttelt auch andere durch, weil viele Wähler nach dem Fiasko der FPÖ möglicherweise vorsichtiger geworden sind. Niemand wird von Politikern gerne so dreist hinters Licht geführt, wie dies die FPÖ-Spezl Strache und Gudenus versucht haben. Ein Staat ist mit solchen Leuten nicht zu machen.

Der Fall Strache ändert für den rechten Flügel in ganz Europa deshalb einiges. Bisher war der Kampf gegen ihn vor allem ein ideologischer, ein Grabenkrieg um Weltanschauungen und Menschenbilder. Er hat den rechten Rand nur größer gemacht. Jetzt zeigt sich: Rechtspopulisten sind moralisch angreifbar. Das Video aus Ibiza zeigt wie unter einem Brennglas, wo ihre verwundbaren Stellen liegen: Unseriöses Auftreten, fehlende Sachkenntnis, Korruption. Dazu kommen dubiose Kontakte nach Russland oder zu anderen verschwiegenen Geldgebern im Hintergrund. Meuthen und Weidel in Deutschland, Le Pen in Frankreich, Salvini in Italien – alle haben ähnliche Probleme wie Amigo Strache in Wien. Werden sie nicht nach Flüchtlingen gefragt, sondern nach ihren Sponsoren und deren Absichten, werden sie einsilbig.

Trotzdem sollte sich am Sonntag niemand zu viel davon erhoffen. Denn die Ursachen, die die Rechten in Europa stark gemacht haben, sind alle noch da. Sie höhlen Europa von innen heraus aus. In Großbritannien hat eine Mehrheit für den Brexit gestimmt, in Frankreich legen Rechts- und Linkspopulisten zu, in Italien, Polen, Ungarn und Tschechien sitzen europafeindliche Kräfte in der Regierung. Allein mit Wutbürgertum und Protestwählern lassen sich diese Wählerverschiebungen nicht erklären: Ihre Ursachen reichen tiefer. Alle modernen Gesellschaften des Westens leiden inzwischen unter einer tiefen Verunsicherung. Die Mittelschicht rutscht ab, die Zukunft erscheint vielen ungewiss, viele Bürger fühlen sich fremd im eigenen Land. Rechtspopulisten bieten in dieser Lage einfache Antworten auf ein vielschichtiges Problem. „Hol dir dein Land zurück“, sagt die AfD. Für ihre Wähler klingt das wie: Ich will meine Welt zurück. Slogans wie diese treffen exakt die Gefühlslage jener, die sich beiseite gedrängt und abgewertet fühlen.

Für Europa zu werben oder gar erfolgreich Wahlkampf zu machen, ist daher herausfordender denn je. Die Einwände gegen Brüssel – wer kennt sie nicht? Ja, Europa erstickt an seiner Bürokratie und Regulierungswut. Ja, die Agrarpolitik bleibt ein Ärgernis für Bauern und Verbraucher. Ja, die Bürger wählen ein Parlament, das zwar mehr zu sagen hat als früher, aber noch immer zehnmal weniger als jeder Landtag. Wer Kommissionspräsident wird, bestimmen am Ende die Regierungschefs der Nationalstaaten. Markus Söder sagte es zu Recht: Das ist etwa so, wie wenn die 16 deutschen Ministerpräsidenten nach einer Bundestagswahl untereinander aushandeln würden, wer Bundeskanzler wird.

Dennoch: Was die Bürger, trotz aller Mängel, an der europäischen Gemeinschaft haben, sehen viele vielleicht erst, wenn sie endgültig auseinanderfliegt. Europa, wie die EU es verkörpert, heißt seit 70 Jahren: Frieden, Menschenrechte, Zukunftssicherung. Nur wenn die Nationen Europas zusammenstehen und zusammenwirken, sind sie den Herausforderungen einer globalisierten Welt gewachsen. Vor allem für eine Exportnation wie Deutschland steht viel auf dem Spiel. Ein Weg, wie ihn die Briten eingeschlagen haben, wäre für unser Land eine Katastrophe. Das weiß sogar die AfD. Nicht einmal sie wagt es, einen deutschen EU-Austritt ohne Wenn und Aber zu fordern.

Die Europawahl 2019 ist eine Richtungsentscheidung. Die Frage, ob CSU-Mann Manfred Weber Kommissionspräsident wird oder der niederländische Sozialdemokrat Frans Timmermans, ist weniger wichtig. Entscheidend ist, ob die Volksvertretung in Straßburg den europäischen Gedanken weiter mitträgt oder ob sich dort eine Mehrheit findet, die die Jahrhundertaufgabe der europäische Einigung aushebeln und sabotieren will. Bei der Brexit-Abstimmung 2016 in Großbritannien strömten die Europagegner in Scharen zur Wahlurne. Die EU-Anhänger blieben nichts ahnend zu Hause. Sie haben seit drei Jahren Gelegenheit, ihre Gleichgültigkeit zu bereuen. Auch am Sonntag werden Europas Rechtspopulisten trotz Spendenskandalen und FPÖ-Affäre alles aufbieten, um ihre Wähler in Marsch zu setzen. Wer nicht will, dass sie die Oberhand gewinnen, sollte aufstehen und wählen gehen.