Im Jahr 1981 schrieb Egon Bahr, der Architekt der deutschen Ostpolitik, der Frieden sei wichtiger als Polen. Es war, als General Wojciech Jaruzelski das Kriegsrecht verhängte.

Der Gedanke Bahrs war ein Ungedanke, hinter dem die Unterordnung der Demokratisierung Polens unter eine Stabilität im deutschen Interesse stand. Es war dies die strategische Beschränktheit der deutschen Ostpolitik überhaupt. Heute mag sich mancher in Deutschland sagen: Die Flüchtlinge sind wichtiger als die Polen. Es ist wieder ein Ungedanke, hinter dem die Enttäuschung über Europa steht. Jemand hat gesagt, wir bräuchten heute „zwei Sensibilitäten“ – eine gegenüber den Flüchtlingen und eine gegenüber Osteuropa.

Das ist ein schöner Gedanke, aber wie die beiden Vektoren der Öffnung miteinander verbinden? Streben sie nicht mit Macht auseinander? Den Blick auf den prekären Lebensstandard breiter Teile der polnischen Bevölkerung zu richten, ist unverzichtbar. Wir haben da ein Informationsdefizit. Es gehört zum Minimum des Anstands, sich vom Alltag der Nichtprivilegierten und der Jugend im Nachbarland ein genaueres Bild zu verschaffen. Aber wie soll Mittellosigkeit und Perspektivlosigkeit das Desinteresse der meisten Polen an den Flüchtlingen aus dem Nahen und Mittleren Osten und aus Afrika erklären? Es ist die übergroße Mehrheit – quer durch alle Schichten und Klassen. Flüchtlinge aus der Ukraine sind in Polen hingegen willkommen.

Überhaupt: wer würde – hüben wie drüben – seine Haltung in der Flüchtlingsfrage allein oder auch nur primär von seiner sozialen Lage abhängig machen? Wer es tut, schiebt es nur vor. Oder redet es sich selber ein. In Wirklichkeit hat er immer noch andere, massivere Motive für seine Weigerung, Schutzsuchende aufzunehmen.

Ganz Europa weiß und bewundert, welche Risiken die Polen für ihre Prinzipien auf sich zu nehmen bereit sind. Zum Beispiel, wenn es um Freiheit geht. Besonders die Deutschen wissen das. In ihrer mutigen Selbstbefreiung vom DDR-Regime standen die Ostdeutschen auf den Schultern der Polen – nicht der Westdeutschen. Die Frage ist: Warum zählt die Aufnahmebereitschaft für die Flüchtlinge aus anderen Erdteilen nicht zu den Prinzipien der Polen? Sie müssen dieses Prinzip nicht verletzen – wie die Deutschen. Sie haben es gar nicht.

Es gibt keine zwei Europas

Aber was immer die Polen bestimmen, sie stehen mit ihrer Abweisung der Flüchtlinge aus Syrien, aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Somalia, aus Eritrea nicht allein. Inzwischen ist deutlich, dass sie – ungeachtet aller historischen und sonstigen Besonderheiten – für Europa stehen. Für die Flüchtlinge gibt es keine zwei Europas. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind dahingeschwunden. Die Mitgliedsstaaten seit 2004 sind nicht „das andere Europa“, wie man sie genannt hat. Wohin gehört seiner Mentalität, seiner politischen Kultur nach etwa der jugendfrische Außenminister Österreichs? Wir haben uns da etwas eingebildet.

Wer den europäischen Gedanken dennoch nicht aufgeben will, fühlt sich am Ende. Auch wenn er es nicht hinausschreit. Und das sind nicht nur die Alten unter uns, die mit dieser Idee nach dem Krieg einmal aufgewachsen sind.

Der Verfasser lebt und arbeitet als Historiker in Konstanz.