Mancher hat sich ans Mittelalter erinnert gefühlt, als am späten Montag das Dach von Notre-Dame in Flammen aufging: Da reden wir permanent von Industrie 4.0, fliegen zum Mars und sind pausenlos mit allen unseren Haushaltsgeräten vernetzt – und wenn es brennt, müssen wir scheinbar hilflos zuschauen, wie eine Kathedrale zerstört wird. Ganz so mittelalterlich ist die Pariser Feuerwehr dann doch nicht aufgestellt.

Wie man inzwischen weiß, wurde keinesfalls nur von zwei Hebebühnen aus von außen gelöscht. Nicht sichtbar auf den Fernsehbildschirmen waren die Löscharbeiten im Inneren – Löschroboter inklusive. Ganz und gar neuzeitlich aber läuft die Wahrnehmung des brennenden Schreckens ab, den wir live am Fernsehbildschirm verfolgen, in den sozialen Netzwerken teilen und kommentieren konnten. Wie schon bei den Terrorakten ist die Solidarität immens. Rund um den Globus wird für den Wiederaufbau der Pariser Kathedrale gespendet, gerade der Nachbar Deutschland zeigt sich großzügig. Das ist – bei aller Skepsis an der Nachhaltigkeit der solidarischen Gefühle – eine gute Nachricht.

Memento mori

Warum aber berührt uns der Brand von Notre-Dame, wie er das tut? Jenseits der gewaltigen Bilder förmlich explodierender Flammen, die einem unmittelbar nahegehen, ist es der Umstand, dass dieses Gebäude Teil des kollektiven Gedächtnisses von Millionen von Touristen geworden ist. Selbst, wenn sie die Kathedrale während ihres Paris-Trips nur pflichtschuldigst abhakten, ist da das Gefühl, dass Notre Dame, das Wahrzeichen dieser Weltstadt, tatsächlich ein wenig unsere ist – unser aller liebe Frau von Paris eben. Und noch etwas holte uns beim Anblick des Jahrhunderte alten, steinernen Geschichtsbuchs der Stadt unwillkürlich ein: der Gedanke an die Zerbrechlichkeit irdischen Seins, die Erkenntnis, dass nichts selbstverständlich, nichts ewig ist. Ein Memento mori. Vielleicht auch die Erkenntnis, dass uns dieses christliche Erbe etwas wert ist, selbst wenn wir längst nicht mehr zum Gottesdienst gehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Gelbwesten verschwinden nicht

Mancher politische Beobachter möchte nun aus der Welle der Solidarität gerne neuen Optimismus für Frankreich, für Europa, am liebsten für den Weltfrieden schöpfen. Sind wir in der Lage, aus diesem gemeinsamen Gefühl heraus wieder den Wert der Gemeinschaft zu erkennen? Bringt uns die Erkenntnis der Vergänglichkeit dazu, das Bestehende mehr zu wertschätzen? Oder finden wenigstens die Franzosen in der Not zur nationalen Einheit zurück? Schön wär's!

Doch ist zu befürchten, dass diese Wünsche allzu fromm sind. Die soziale Kluft, die in Frankreich entstanden ist zwischen globalen Hipstern und armer Provinz, lässt sich nun einmal nicht mit einer Überdosis Gefühl zuschütten. Die Gelbwesten werden ein wenig innehalten, vorbei sind die Proteste damit längst nicht. Und die Unfähigkeit der Europäer, eine gemeinsame Linie in Sachen Migration zu finden, löst sich nicht in Wohlgefallen auf, nur weil binnen einem Tag fast eine Milliarde Euro an Spenden für eine zerstörte Kirche fließen.

Das soll nicht etwa heißen, dass vorösterliche Freude nicht angebracht wäre. Im Gegenteil! Die Pariser schöpfen nach dem Brand neue Hoffnung. Denn wo der Wille zum Wiederaufbau groß genug ist, ist nichts wirklich verloren. Die Auferstehung kann kommen, um sprachlich in der Karwoche zu bleiben. Das ist die frohe Botschaft von Paris. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mag allzu optimistisch gewesen sein mit seinem Fünf-Jahres-Plan zum Wiederaufbau. Doch Zahlen sind im Moment nicht wichtig. Entscheidend ist, dass er den Franzosen vermittelt, dass die Rekonstruktion angepackt wird. Womit wir noch einmal beim Mittelalter wären: Feuerkatastrophen ganz anderen Ausmaßes zählten damals zur Alltagserfahrung. Danach wurde wieder aufgebaut. Besser, schöner, größer.