Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan greift tief in die Mottenkiste, um religiöse Wähler vor den anstehenden Kommunalwahlen zu motivieren. Er beklagt eine angebliche Diskriminierung von Frauen mit Kopftuch – obwohl das islamische Tuch im öffentlichen Leben der Türkei heute längst akzeptiert ist.

Aus dem Versuch, seine frommen Anhänger dennoch als Opfer darzustellen, spricht deshalb Verunsicherung: Der Präsident kann sich seiner Sache bei den Kommunalwahlen im März nicht sicher sein. Ob Erdogans Polarisierung wirkt, ist offen. Laut einer Studie sind die Türken heute weniger fromm als vor zehn Jahren.

Erdogan stellt sich und seine Wähler als Opfer dar

Die „elende Fratze des Faschismus“ will Erdogan in einer Szene ausgemacht haben, die sich kürzlich in Istanbul abgespielt haben soll und die von der regierungsnahen Presse als abscheuliche Attacke auf fromme Musliminnen dargestellt wird. Demnach soll die – säkulär eingestellte – Schauspielerin Deniz Cakir in einem Café mehrere Kopftuch-Frauen beschimpft haben. „Was wollt ihr denn hier? Ist das hier Saudi-Arabien?“, soll Cakir gesagt haben. Cakir weist die Vorwürfe zurück und sagt, die Kopftuch-Frauen seien mit ihrem westlichen Kleidungsstil nicht einverstanden gewesen.

Obwohl umstritten ist, was in dem Café geschah, nahm Erdogan den Vorfall zum Anlass, über sein Lieblingsthema zu sprechen: die angebliche Unterdrückung frommer Türken durch Säkularisten. Er kritisierte, die Säkularisten-Partei CHP, seine Hauptgegnerin bei den Kommunalwahlen am 31. März, wolle den Leuten vorschreiben, wie sie sich anzuziehen hätten.

Erdogans Partei AKP mag seit mehr als 16 Jahren an der Macht sein, doch der Präsident stellt sich selbst und seine Wähler immer noch mit Vorliebe als Opfer dar. Bisher habe sich das für Erdogan auch ausgezahlt, sagt Gönül Tol, Direktorin des Zentrums für Türkei-Studien am Nahost-Institut in Washington. Er spreche die Identität der frommen Türken als gesellschaftliche Gruppe und deren Ängste an, so Tol: „Das funktioniert jedes Mal.“

Die türkische Gesellschaft verändert sich

Nicht nur beim Thema Kopftuch präsentiert sich Erdogan deshalb als Vertreter der frommen Türken gegen die angeblich arroganten prowestlichen Säkularisten. Jede noch so harmlose Bemerkung dient ihm als Vorwand. Ein Oppositionsjournalist und ein Schauspieler rieten dem Präsidenten kürzlich, er solle mal ein Bier trinken und sich die Werke Beethovens oder Mozarts anhören – was Erdogan prompt empört zurückwies: Hier solle der Präsident „gezwungen“ werden, Alkohol zu trinken und Mozart zu hören, schimpfte er.

Mit solchen Sprüchen lassen sich aber nur eingeschworene AKP-Wähler begeistern. Die Pianistin Gülsin Onay stellte als Antwort auf Erdogans Mozart-Bemerkung ein Video ins Internet, in dem sie den „Türkischen Marsch“ spielt – der Clip wurde innerhalb weniger Tage 1,3 Millionen Mal angeschaut.

Die türkische Gesellschaft verändert sich – aber nicht in Erdogans Sinne. Das angesehene Demoskopie-Institut Konda hat in einem Vergleich aktueller Umfrageresultate mit denen aus dem Jahr 2008 festgestellt, dass die Türken trotz der islamistischen Regierung mehr Distanz zur Religion an den Tag legen. Der Anteil jener Wähler, die sich selbst als fromm bezeichnen, ist in den vergangenen zehn Jahren von 55 auf 51 Prozent zurückgegangen.

Zahl der Frauen ohne Kopftuch steigt

Gleichzeitig stieg die Zahl der Atheisten und Religionslosen von zwei auf fünf Prozent und die Zahl der Frauen ohne Kopftuch von 34 auf 37 Prozent. Dagegen wächst die religiöse Toleranz. Heute können sich 40 Prozent der Türken vorstellen, einen Mann oder eine Frau aus einer anderen Religionsgemeinschaft zu heiraten – vor zehn Jahren waren es 30 Prozent.

Ironischerweise könnte die größtenteils aus frommen Muslimen bestehende Erdogan-Regierung zu dem Trend beigetragen haben. Entgegen der zur Schau gestellten Frömmigkeit fehle es an Moral, Anständigkeit und Aufrichtigkeit, schrieb der Theologe Mehmet Ali Büyükkara.