Herr Professor Eith, Umfragen zufolge wissen 46 Prozent der Wähler noch nicht, wem sie am 24. September ihre Stimme geben. Warum gibt es bei dieser Wahl so viele Unentschlossene?

Die Unentschlossenen sind keine homogene Gruppe. Sie sind nicht für jede Partei erreichbar. Manche entscheiden sich erst spät zwischen zwei Parteien. Andere treffen ihre Entscheidung sehr spät, weil sie über die Partei, die sie normalerweise wählen würden, frustriert sind.

Die SPD setzt ihre ganzen Hoffnungen auf die Unentschlossenen. Kann sie da noch viel herausholen?

Das ist aus Sicht des Wahlforschers unwahrscheinlich. Trotzdem ist es nachvollziehbar, dass Parteien versuchen, jede Stimme zu bekommen, die noch möglich ist. Wer von vornherein die Flinte ins Korn wirft, kann nicht überzeugen.

Diskussionsrunde: Mit Ulrich Eith sprechen Torsten Geiling, stellvertretender Chefredakteur (links), und Dieter Löffler, Leiter der Politikredaktion des SÜDKURIER.
Diskussionsrunde: Mit Ulrich Eith sprechen Torsten Geiling, stellvertretender Chefredakteur (links), und Dieter Löffler, Leiter der Politikredaktion des SÜDKURIER. | Bild: Hans-Juergen Goetz

Heißt das, der Wahlabend kann noch einige Überraschungen bringen?

Klar, die Wahl ist noch keineswegs entschieden. Die Überraschungen werden aber nicht mit der Frage der Kanzlerschaft zusammenhängen, sondern eher mit der Frage, wer auf dem dritten Platz landet. Da ist das Rennen noch völlig offen.

Den Umfragen zufolge holt die AfD gerade auf. Woran liegt es, dass diese Partei gerade Rückenwind hat, trotz ihres Erscheinungsbildes?

Die AfD ist eine Protestpartei. Da ist das Erscheinungsbild nicht das Entscheidende. Vielmehr ist sie ein Sammelbecken für Protest aus ganz unterschiedlichen Motiven heraus. Protestparteien profitieren, wenn in der öffentlichen Diskussion Krisenthemen dominieren. Bei der AfD ist dies die Flüchtlingsthematik. Obwohl die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge stark zurückgeht, ist der Themenkomplex Flüchtlinge/Asyl/Einwanderung für etwa die Hälfte der Bevölkerung weiterhin das wichtigste Thema, wie wir an den Umfragen sehen.

Welche Rolle spielt die große Koalition für das Erstarken der kleinen Parteien? Beim Kanzlerduell lagen Merkel und Schulz ja in vielen Fragen recht nahe beieinander.

Die kleinen Parteien profitieren davon, weil ihnen die große Koalition viel Raum zur eigenen Profilierung gibt. Für die AfD ist dies eine günstige Ausgangsposition, weil wir in der ablaufenden Legislaturperiode de facto eine große Koalition zwischen Union und SPD im Bund hatten und im Bundesrat zusätzlich mit den Grünen, weil diese in vielen Landesregierungen sitzen. Die Oppositionsrolle teilten sich damit Frau Wagenknecht im Parlament und außerparlamentarisch Frau Petry. Die große Koalition ist nicht das beste Modell, um längerfristig die Stabilität der Demokratie zu erhalten. Sie verhindert die intensive politische Auseinandersetzung zwischen den großen Parteien.

Der nächste Bundestag hat voraussichtlich sechs Fraktionen. Muss man sich künftig auf andere Mehrheiten einstellen, weil die Großen kleiner werden?

Die These vom Niedergang des deutschen Parteiensystems teile ich nur bedingt. Im europäischen Vergleich ist das bundesdeutsche Parteiensystem nach wie vor außerordentlich stabil. In Frankreich und Italien sieht es ganz anders aus, in den Niederlanden gibt es nur noch Kleinparteien. Und in Polen stellen Rechtspopulisten bereits die Regierung.

Erneut großer Andrang beim VS-Forum: Gebannt lauscht das Publikum im Villinger Theater am Ring den Ausführungen von Professor Ulrich Eith. Bilder: Goetz
Erneut großer Andrang beim VS-Forum: Gebannt lauscht das Publikum im Villinger Theater am Ring den Ausführungen von Professor Ulrich Eith. Bilder: Goetz

Die SPD geht aber bereits auf die 20-Prozent-Marke zu. Wie erklären Sie sich diesen Niedergang?

Die SPD leidet noch immer unter den Folgen der Schröderschen Reformpolitik. Diese hat zwar in der Gesamtbevölkerung viel Zuspruch gefunden, nicht aber bei der traditionellen Wählerklientel der SPD. Schröder hat ihr nicht ausreichend klargemacht, was unter diesen neuen Bedingungen soziale Gerechtigkeit sein soll. Genau dieser Punkt ist für traditionelle SPD-Wähler aber entscheidend. Auf der anderen Seite zeigt die anfängliche Begeisterung für Martin Schulz, welches Potenzial die SPD noch hat.

Warum konnte Schulz nicht mehr daraus machen?

Er hat es versäumt, nach der Anfangseuphorie mit konkreten inhaltlichen Punkten zu kommen. Im Nachhinein betrachtet, war es ein großer Fehler, zuzustimmen, sich aus dem nordrhein-westfälischen Wahlkampf herauszuhalten.

Merkel erklärt im Wahlkampf kaum, was sie vorhat. Selbst im Kanzlerduell hat sie wichtige Positionen geräumt, etwa beim türkischen EU-Beitritt. Wie kann es sein, dass sie damit durchkommt?

Merkel wird weniger wegen ihrer Konzepte gewählt als vielmehr wegen ihrer Ausstrahlung. Für viele erscheint sie als letzte Garantin von Sicherheit, Stabilität und Bedächtigkeit in einer Welt, die hochgradig unberechenbar geworden ist – in Zeiten eines Trump, Putin und Erdogan. Im Gegensatz zu diesen wird sie wie der Fels in der Brandung wahrgenommen. Viele Wähler stimmen für sie nicht wegen, sondern trotz ihrer Politik der gesellschaftlichen Modernisierung, vom Ausbau der Kleinkinderbetreuung über den Atomausstieg bis hin zur Ehe für alle.

Fragen: Torsten Geilingund Dieter Löffler

.Das VS-Forum mit ProfessorUlrich Eith in Villingen-Schwenningen im Live-Stream:www.sk.de/exklusiv

Zur Person

  • Der Wahlforscher Ulrich Eith, Jahrgang 1960, stammt aus Villingen und ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Freiburg. Seit 2008 leitet er als Direktor das Studienhaus Wiesneck bei Freiburg, eine Einrichtung zur politischen Bildung von Jugendlichen. Seit Jahren analysiert Eith für den Fernsehsender Südwest 3 live die Landtags- und Bundestagswahlen. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören die Wahl- und Parteienforschung sowie Rechtspopulismus und Rechtsextremismus.
  • Das Interview fand am Rande der SÜDKURIER-Veranstaltung "VS-Forum" in Villingen statt. Die Veranstaltungsreihe zählt seit Jahren zu den gesellschaftlichen Höhepunkten der Doppelstadt. Unter anderem sprachen dort Gäste wie Wolfgang Bosbach, Christian Streich und Ernst Ulrich von Weizsäcker.