Spötter könnten der Szene Symbolkraft zuschreiben: Kaum haben sich am Montagabend im Ingolstädter Stadttheater die regionalen CSU-Größen auf der Bühne versammelt, um die Menschen im Saal auf den Auftritt von Ministerpräsident Markus Söder und Parteichef Horst Seehofer einzustimmen, gibt es einen Stromausfall, alle sitzen kurzzeitig im Dunkeln. Gehen bei der CSU die Lichter aus? Schließlich droht der Partei bei der Landtagswahl an diesem Sonntag ein historisches Debakel.

Umfragen zufolge könnte die CSU direkt von der Alleinregierung in die Opposition abstürzen. Wer die Gemengelage in Bayern aber genauer kennt, weiß, dass die Christsozialen diese schmerzhafte Erfahrung in der Praxis aber nicht ernsthaft fürchten müssen und dass die Grünen als zweitstärkste Kraft wohl auch nicht so schnell den Ministerpräsidenten stellen werden. Dennoch dürfte die Wahl die politische Landschaft verändern – auch außerhalb Bayerns.

Markus Söder und Ilse Aigner liegen mit der CSU laut Bayerntrend nur noch bei 33 Prozent.
Markus Söder und Ilse Aigner liegen mit der CSU laut Bayerntrend nur noch bei 33 Prozent. | Bild: DANIEL KARMANN

Freunde werden sie nicht mehr

Doch an diesem Abend soll kein Platz sein für Schwarzmalerei und schlechte Stimmung. Weder bei der CSU-Basis, die so reichlich ins Stadttheater gepilgert ist, dass nachbestuhlt werden muss, noch bei den beiden Alphatieren der Partei, die sich zuletzt kaum verhohlen gegenseitig die Schuld für die zu erwartende Wahlpleite zugeschoben haben. Seit’ an Seit’ schreiten Söder und Seehofer durch den Saal, wohlwissend, dass öffentlicher Streit beim Parteivolk gar nicht gut ankommt. Die Mitglieder und Sympathisanten danken es mit freundlichem Applaus. Auch dass sich der „liebe Markus“ und der „liebe Horst“ im Laufe des Abends etwas zu oft gegenseitig für die gute Zusammenarbeit bedanken, sorgt nicht für Befremden im Saal.

Es ist schließlich die letzte Woche im bayerischen Wahlkampf, da gilt es, Geschlossenheit und das berühmte bayerische Selbstbewusstsein zu demonstrieren – vor allem, wenn sich die Fotografen so sehr mühen, den Dissens zwischen Söder und Seehofer im Bild festzuhalten. Die beiden, die wohl keine Freunde mehr werden, geben sich keine Blöße.

Die Grünen mit den Spitzenkandidaten Katharina Schulze und Ludwig Hartmann wären mit 18 Prozent zweitstärkste Kraft.
Die Grünen mit den Spitzenkandidaten Katharina Schulze und Ludwig Hartmann wären mit 18 Prozent zweitstärkste Kraft. | Bild: Sachelle Babbar

Markus Söder, dunkler Anzug, weißes Hemd, dunkle Krawatte, spricht von einer paradoxen Situation. Deutschland, und hier natürlich insbesondere Bayern, gehe es so gut wie noch nie – dennoch gehe dies in der „medialen Betrachtung“ unter, sagt er, ohne auf die schlechten Umfragewerte einzugehen. „Wir sollten stolzer und dankbarer sein, dass wir in diesem Deutschland leben dürfen“, findet Söder, der es ein Privileg nennt, in Bayern zu leben, dem „wirtschaftlich mit Abstand“ erfolgreichsten Bundesland. Die Botschaft ist klar: Der Erfolg Bayerns ist kein Zufall, „in Bayern ist der Wohlstand auch staatsgemacht“, zitiert der Ministerpräsident die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“.

Zwischen Wohlstand und Ängsten

Umso unverständlicher sind für die Christsozialen die katastrophalen Umfrageergebnisse und die hohen Zustimmungswerte für die AfD. Gerade in Ingolstadt, der Audi-Stadt mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Bayern, gibt es keinen offensichtlichen Grund für Unzufriedenheit oder gar Wechselstimmung. An diesem Montagabend sitzen die Menschen in den Straßencafés, um bei einem Bier oder Aperol die letzten Sonnenstrahlen des Spätsommers zu genießen, es geht entspannt zu in der schmucken Ingolstädter Altstadt.

Die Szenerie kontrastiert merkwürdig zu den Wahlplakaten, mit denen die AfD die Durchfahrtsstraßen Ingolstadts vollgepflastert hat. Mit Parolen wie „Der Islam gehört nicht zu Bayern“ oder „Jedes Jahr eine muslimische Großstadt mehr“ schürt sie Ängste vor Zuwanderung und versucht sich zugleich als wahre Heimatpartei zu inszenieren. „Wir halten, was die CSU verspricht.“

Die AfD, die ihre Bundestagsfraktionschefs Alexander Gauland und Alice Weidel plakatiert, liegt stabil bei 14 Prozent.
Die AfD, die ihre Bundestagsfraktionschefs Alexander Gauland und Alice Weidel plakatiert, liegt stabil bei 14 Prozent. | Bild: Tobias Hase

In seiner einstündigen Wahlkampfrede lässt Markus Söder den Holzhammer dennoch in der Tasche. Statt sich zu sehr mit den politischen Gegnern zu beschäftigen, zählt er lieber die Vorzüge und Erfolge Bayerns auf. Egal ob Wirtschaft, Sicherheit, Pflege oder Wohnen – kein Bereich, in dem Bayern in Söders Augen nicht spitze ist. Horst Seehofer wird sich später sogar zu der Aussage versteigen, Bayern sei das Paradies.

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Wir und die anderen

Söder, der einstige Scharfmacher, gibt sich staatsmännisch, teilt nur vereinzelte Spitzen gegen die politische Konkurrenz aus. „Es gibt Ideologen, es gibt Populisten, und es gibt uns“, lautet seine Abgrenzungsformel gegenüber Linken, Grünen, FDP und AfD. Die CSU sei die Volkspartei, die den Laden in unruhigen Zeiten zusammenhalte.

Selbst beim umstrittenen Flüchtlingsthema bleibt Söder vergleichsweise moderat. Statt von der Bekämpfung des „Asyltourismus“ spricht er nun von der Balance zwischen „Humanität und Ordnung“, die es zu halten gelte, und betont: „Bayern hat die Flüchtlinge alle aufgenommen und sich von seiner humansten Seite gezeigt.“ Und selbstverständlich helfe man weiterhin gerne, aber: „Wer sich nicht an die Regeln hält und Straftaten begeht, muss das Land sofort wieder verlassen.“ Dafür erntet Söder großen Applaus im Saal.

Gegen Ende seiner Rede kommt der Ministerpräsident doch noch auf die miesen Umfragen zu sprechen. „Naja, soll man die ernst nehmen?“, fragt er, um zugleich vor Experimenten an der Wahlurne und einem Landtag mit sieben Parteien zu warnen. „Ich möchte, dass Bayern Bayern bleibt.“ So simpel fasst der Wahlkämpfer Söder sein Programm zusammen und erntet dafür Standing Ovations.

Natascha Kohnens SPD gibt laut der jüngsten Umfrage noch mal ein Prozent ab – kommt nur noch auf zehn Prozent.
Natascha Kohnens SPD gibt laut der jüngsten Umfrage noch mal ein Prozent ab – kommt nur noch auf zehn Prozent. | Bild: Lino Mirgeler

Horst Seehofer fällt gegen Markus Söder nicht nur rhetorisch ab, sondern vom ganzen Auftreten her. Der Parteichef spricht langsam und leise, gestikuliert kaum und hält sich mit seinen gefürchteten Spitzen zurück. Möglicherweise nagen die Strapazen der zurückliegenden Wochen an ihm. Klar ist: So geschlossen sich die CSU vor Wahlen gibt, so schnell geht sie bei Niederlagen mit ihren Anführern ins Gericht. Am 14. Oktober wird abgerechnet – auch mit dem Bundesinnenminister.

Dessen Abschiedsgruß ans Ingolstädter Publikum, ein Zitat aus der Bayernhymne, die dann von allen gemeinsam mit Inbrunst gesungen wird, könnte man mit Blick auf den Wahlsonntag auch als Ruf nach höheren Mächten interpretieren: „Gott mit dir, du Land der Bayern.“ 

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Bild: insa / bild

Bayern seit Jahrzehnten fest in CSU-Hand

Seit 1945 gab es nur wenige Jahre, in denen kein CSU-Politiker Ministerpräsident war:

  • Kurze SPD-Herrschaft: Von 1945 bis 1946 und von 1954 bis 1957 war Bayern in der Hand von Sozialdemokraten. Damals war Wilhelm Hoegner bayerischer Regierungschef.
  • Mal mit, mal ohne Partner: Abgesehen davon regierten die Christsozialen ununterbrochen. Von 1946 bis 1950, von 1962 bis 2008 und von 2013 bis 2018 hatte die CSU sogar die absolute Mehrheit im Landtag. Anfangs ging sie trotzdem noch Koalitionen ein, zwischen 1947 und 1950 und dann seit 1966 regierte sie den Freistaat aber allein. Edmund Stoiber hatte nach der Wahl 2003 sogar eine Zweidrittelmehrheit im Landtag im Rücken.
  • Herber Verlust: Bei der Landtagswahl 2008 musste die CSU dann nicht nur einen dramatischen Absturz von 60,7 auf 43,4 Prozent verkraften, sondern auch – was für sie noch schlimmer war – den Verlust der jahrzehntelangen Alleinherrschaft. Sie war fortan wieder auf einen Koalitionspartner angewiesen – und entschied sich für die FDP. 2013 erlangte die CSU dann mit 47,7 Prozent wieder die absolute Mehrheit an Mandaten.
  • Das schlechteste Ergebnis: 27,4 Prozent fuhr die CSU bei der bayerischen Landtagswahl im Jahr 1950 ein – die derzeitigen Umfragewerte sind an diesem Katastrophenergebnis erstaunlich nahe dran. Der jüngste Bayerntrend sieht die CSU bei 33 Prozent. (dpa/sk)

 

Die Spitzenkandidaten in Bayern

Ein Überblick über die Bewerber der Parteien, die den Umfragen zufolge mit einem Einzug in den Landtag rechnen oder immerhin halbwegs realistisch darauf hoffen können. Nicht aufgeführt ist die AfD, die keinen landesweiten Spitzenkandidaten benannt hat.