Es war eine unscheinbare Meldung vor einigen Tagen: Die 15 Autobahnmeistereien im Land erhalten neuartige Schutzwände. Sie trennen dieses Mal nicht den Baggerfahrer vom fließenden Verkehr. Sie trennen auch nicht das Tier vom Menschen, um das eine vor dem anderen zu schützen. Bei dem Neuerwerb geht es um lichtdichtes Material, das verletzte Menschen vor anderen Menschen schützt, was eine schwierige Sache ist. Die Antigaffer-Wände sollen verhindern, dass andere Autofahrer und Beifahrer bei schweren Unfällen stehen bleiben, den Rettungsweg zuparken und hemmungslos zusehen – und das Szenario noch auf einem Video nebst gesprochenem Kommentar festhalten.

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700 000 Euro investiert das Verkehrsministerium in das Paket der mobilen Schutzwälle. Sie sind auf Anhänger montiert und werden im Notfall zum Unfallort gefahren und aufgestellt. Das ist ein beträchtlicher Aufwand, zumal die Wände Platz kosten und den Unfallort noch sperriger machen.

Doch ist der Einsatz gerechtfertigt, weil er eines der widerlichsten Phänomene der heutigen Zeit blockiert: die kaltblütige Observation von fremdem Leid. Polizeibeamte berichten, dass nicht nur Erwachsene nach vorne drängeln, wenn es bei einem Unfall blutig hergeht. Auch Kinder werden aus den Sitzen gehoben, auf Schultern gepackt und auf vermeintlich prickelnde Details hingewiesen. Dann wird gefilmt, was das Zeug hält.

Das sagen Psychologen zum Phänomen

Psychologen sagen: Gaffen kommt zwar immer häufiger vor, ist aber nicht normal. Normal wäre es, dass man erschrickt und die Flucht ergreift. Anständig wäre es, seine Hilfe anzubieten oder den Ort zu meiden. Das konzentrierte Gaffen aber, das von Kommentaren und Besserwisserei begleitet wird, ist weder normal noch anständig. Wer wollte angestarrt und gefilmt werden, wenn er selbst aus einem Autowrack geschnitten wird? Wohl niemand. Was man selbst nicht ertragen will, sollte man anderen auch nicht antun.

Diese eiserne Regel des Umgangs wird beim Gaffer außer Kraft gesetzt. Biedere Verkehrsteilnehmer verwandeln sich in Voyeure, die Rettungsarbeiten behindern und patzig werden. Als vor einigen Monaten ein Feuerwehrmann filmende Autofahrer nassspritzte und am Filmen hinderte, erhielt er viel Beifall. Und er erhielt einen Sack voll rechtlicher Belehrung: Wie er denn dazu käme, einen Autofahrer derart zu nötigen. Dabei hat der Mann alles richtig gemacht. Nicht der Einsatz des C-Rohrs ist das Problem, sondern die offene Schaulust, die er nicht länger hinnehmen wollte. Das Gaffen ist keine deutsche Spezialität. Es tritt als globaler Zeitgenosse auf. Wo Völker mit Handy-Kamera ausgerüstet sind, wird diese auch genutzt. Also überall.

Dabeisein ist alles

Voyeurismus ist uralt. Doch erst die Videofunktion bringt Menschen auf die Idee, fremdes Leid zu filmen und unter die Leute zu bringen. Bilder werden verschickt mit dem angeberischen Unterton "Ich bin dabei gewesen". Um diese Ego-Show geht es, nicht um das Leben des anderen. Es mehrt das Ansehen in den Netzwerken, die häufig sozial genannt werden. Die Nachfrage nach selbstgemachtem Reality-TV ist enorm. Die Gaffer würden ihre traurige Tätigkeit schnell einstellen, wenn der Eifer am Katastrophenort nicht belohnt wird.

Damit nicht genug. Im verschärften Fall gelingt es den Schaulustigen, sich selbst zwischen Handy und brennendem Auto zu postieren. Ein Selfie entsteht. Der Mitschnitt vor Ort sollte möglichst aus nächster Nähe geschehen. Die Pseudo-Dokumentation wird von Kommentaren untermalt, die auch die Arbeit der Rettungskräfte benotet.

Es zählt zu den rabenschwarzen Seiten des Informationszeitalters, dass derlei zynisches Material ins Netz gelangt und abgegriffen wird. Wirksam verbieten kann man es kaum. Exzessive Schaulust ist zwar gesetzeswidrig, doch hat die Polizei im konkreten Fall anderes zu tun. Bleibt nur der freiwillige Verzicht aus eigener Einsicht.

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