Baden-Württemberg wächst. Über elf Millionen Menschen sind hier zuhause, mehr als je zuvor in der Geschichte des Landes, Tendenz steigend. Die Bevölkerung ist seit der Gründung des Südweststaats 1952 prozentual um mehr als 64 Prozent gewachsen, überwiegend durch Zuzug. Das ist ein höherer Zuwachs als in jedem anderen Bundesland. Zuletzt allein in den letzten fünf Jahren um eine halbe Million Menschen, die meisten davon ausländischer Herkunft.

Die gute Nachricht ist, besonders für die Sozialsysteme: Der Zuzug sorgt dafür, dass Baden-Württemberg unter den Flächenländern der Republik die jüngste Bevölkerung hat – mit einem Altersdurchschnitt von 43,3 Jahren. Nur in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin sind die Menschen im Durchschnitt noch etwas jünger.

Preise gehen durch die Decke

Die Menschen zieht es in die Städte. Die schlechte Nachricht dabei ist: Die Großräume, allen voran die Region Stuttgart, platzen aus allen Nähten, die Menschen kommen nicht unter. Die Immobilienpreise gehen in den Ballungsräumen durch die Decke, Wohneigentum ist für Durchschnittsverdiener ohne Erbvermögen in einem Arbeitsleben nicht mehr erwirtschaftbar, und Mietwohnungen fressen oft die Hälfte eines Monatsnettoeinkommens auf. Nicht nur die Landeshauptstadt Stuttgart, die nach langer Absenz erst zögerlich wieder in den sozialen Wohnungsbau eingestiegen ist, kann viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum anbieten und sieht sich gleichzeitig einer riesig wachsenden Nachfrage gegenüber. Auch in Freiburg und Karlsruhe ist der Wohnungsmarkt leergefegt und dort gibt es kaum noch bebaubare Flächen. 16 der 30 für Mieter teuersten Städte Deutschlands liegen nach einer aktuellen Statistik des Deutschen Mieterbundes in Baden-Württemberg, darunter sind zumBeispiel mit Gerlingen, Ditzingen oder Ludwigsburg etliche aus der Region Stuttgart.

Die Folge: Die Pendler- und Verkehrsströme nehmen zu, die Ballungsräume weiten sich aus und ziehen in der Folge die Aufmerksamkeit der Politik und den Großteil der Infrastrukturinvestitionen des Landes auf sich. Das wiederum bewirkt, dass noch mehr Menschen dorthin ziehen, wo es nicht nur Arbeitsplätze gibt – was zunehmend mit schnellem Internet zu tun hat –, sondern auch Ärzte, Krankenhäuser, Kinderbetreuung, Schulen, Pflegeangebote, Einkaufsmöglichkeiten und ein gutes öffentliches Nahverkehrsangebot.

Von der Politik vergessen

Ein Teufelskreis mit gesellschaftspolitischem Sprengpotenzial. Baden-Württemberg droht, auseinanderzubrechen. Denn die Teile im Land, in denen die Uhren noch ganz anders gehen, werden noch mehr aus der Wahrnehmung verdrängt, als sie es ohnehin schon sind. Schon jetzt wähnen sich Menschen, die in Landstrichen wie etwa dem Schwarzwald-Baar-Kreis leben, in vielen Lebensbereichen wie auf einem anderen Planeten – und mit ihren Problemen, die so ganz anders sind als die in den Ballungsräumen, von der Politik in Land und Bund vergessen.

Gut festmachen lässt sich das am Immobilienmarkt. Auf dem Land wohnen deutlich mehr Menschen im Wohneigentum als in der Stadt – nach dem letzten Mikrozensus von 2014 war die Eigentümerquote im Schwarzwald-Baar-Kreis mit fast 60 Prozent landesweit am höchsten und doppelt so hoch wie in Stuttgart. Gleichzeitig verzeichnete die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg landesweit mit den höchsten Leerstand, seitdem dürfte der Leerstand nicht nur dort noch deutlich gestiegen sein. Wo Wohnungen und Häuser leer stehen, fehlen dem Einzelhandel, dem Handwerk und der Gastronomie die Kunden. Immobilien stehen nicht nur leer, zugleich sinkt auch deren Wert. Was einst als Alterssicherung gedacht war, taucht plötzlich in der Verlustrechnung auf. Das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung warnte angesichts dieser Entwicklung und schrumpfender Bevölkerungszahlen in ländlichen Regionen unlängst vor dem Bau neuer Einfamilienhäuser – wegen des zu beobachtenden Wertverlustes sei dies keine sichere Investition für die Zukunft mehr.

Unzufriedenheit trotz vergleichsweise guter Situation

Auch für die Kommunen ist das eine schlechte Nachricht: Die Daseinsvorsorge für immer weniger Menschen aufrechtzuerhalten, überfordert speziell kleine Einheiten zunehmend, während in den Ballungsräumen die Gewerbesteuer sprudelt und kräftig in Infrastruktur investiert werden kann – aber die Menschen sich das Wohnen nicht mehr leisten können. Ja, den meisten Menschen in Baden-Württemberg geht es gut. Hier wird auf hohem Niveau geklagt. Aber diese Entwicklungen schaffen auch in einem wohlhabenden Land wie Baden-Württemberg große Unzufriedenheit. Sie zu unterschätzen, wäre die schlechteste Zukunftsentscheidung überhaupt. Denn das Land wächst weiter – und die Probleme wachsen mit.