Update, 27.3.2020: Dieser Meinungsbeitrag hat einige Reaktionen hervorgerufen. In diesem Text antwortet Autor Uli Fricker auf die Kritik:

Das könnte Sie auch interessieren

Mit der Präzision von Behörden reagierten auch die Glaubensgemeinschaften auf das Coronavirus: Sämtliche Gottesdienste fallen aus, die Pfarrbüros sind zu, alle Aktivitäten werden abgesagt. Die meisten Pfarrer arbeiten nun zu Hause, die Herde wird digital gefüttert. Den Kirchgängern, die vom Alter her nicht zu den Computerfreunden zählen, werden plötzlich Livestreaming und ähnliche Formate empfohlen. Die Kirchen haben sich bis auf Weiteres abgemeldet.

Damit sind sie auf der sicheren Seite. Sie machen nichts falsch und folgen den Anordnungen, die in den letzten Tagen von Gemeinden und dem Land erlassen wurden. Sie vermeiden jedes Risiko, zumal viele aktive Kirchenmitglieder einer Risikogruppe angehören – allein dieses Wort schon genügt, um bei den Verantwortlichen für weiche Knie zu sorgen.

Leere Bänke, kein Weihwasser. Die Kirchen, hier das Villinger Münster, sind außer Betrieb.
Leere Bänke, kein Weihwasser. Die Kirchen, hier das Villinger Münster, sind außer Betrieb. | Bild: Matthias Jundt

Die Kirche ist auch Tankstelle

Dennoch, die Schnelligkeit, mit der die beiden Kirchen die Segel gestrichen haben, überrascht doch. Sie betrachten sich offenbar nicht mehr als systemrelevant, arbeiten also nicht in dem Bereich, der unverzichtbar ist. Eine Tankstelle darf öffnen, ein Bäcker, ein Zeitungsverkäufer. Sie garantieren nach verbreiteter Ansicht, dass die Grundbedürfnisse gestillt werden. Die Dienste der religiösen Gemeinschaften zählen dazu nicht. Die Kirchenführer nehmen sich selbst aus dem Rennen, sie legen die Arbeit nieder wie ein Sachbearbeiter.

Das könnte Sie auch interessieren

Manche Mitteilung aus dem Freiburger Ordinariat liest sich dieser Tage wie eine amtliche Mitteilung. Da ist nur noch von Maßnahmen die Rede, kein Wort von „Mut“. Wie gerne läse man den Satz „Fürchtet euch nicht.“ Stattdessen hören sich kirchliche Verlautbarungen wie ein Antiseuchenprogramm an. Das ist im Einzelnen gut und richtig, doch stellt sich die Frage: Ist das alles?

Auch die Kirchen verkaufen Brot

Der Bäcker bäckt und verkauft Brot, weil seine Waren beim Leben und Überleben helfen. Für die Repräsentanten der christlichen Kirchen müsste das Gleiche gelten. Wie oft führen sie die Redewendung vom „Brot des Lebens“ im Mund – in seuchenfreien und entspannten Zeiten. Und nun wird dieses Brot vorenthalten. Das evangelische Abendmahl wie auch die katholische Eucharistie finden nicht statt. Das Brot des Fernsehgottesdienstes kann keiner essen und es macht nicht satt, es hat nicht einmal Geschmack.

Das könnte Sie auch interessieren

Auch deshalb sind viele Gläubige massiv irritiert. Sie verstehen nicht, dass ihre Kirche agiert wie eine beliebige Firma, die eben mal die Produktion einstellt sowie ihre Verwaltung leert und ins Heimbüro schickt. Ein Konzern kann das tun und er gilt als fürsorglich. Eine Kirche nicht, von ihr wird mehr erwartet als das Verschicken von Links für Spirituelles am Bildschirm.

Religiosität ist zutiefst analog. Etwas zum Anfassen und Fühlen, zum Dabei sein, mit körperlicher Anwesenheit. Nicht umsonst ist das Wort von der „Realpräsenz“ ein zentrales Wort der katholischen Theologie.

Einspruch von Margot Käßmann

Einige wenige Kirchenleute sehen das auch so. Margot Käßmann etwa meint zur gegenwärtigen Situation: „Wir können nicht alles abschließen.“ Sie beobachtet vor allem Furcht und vermisst ein gesundes Gottvertrauen. Sie hat leicht reden, wird mancher Kollege von ihr einwenden, der noch immer Verantwortung trägt und dieser gerecht werden will, indem er die Verantwortung schnell weitergibt wie eine heiße Kartoffel.

Schätzt die aktuelle Situation kritisch ein: Margot Käßmann.
Schätzt die aktuelle Situation kritisch ein: Margot Käßmann. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Wer sich der generellen Quarantäne anschließt, macht nichts falsch. Doch spricht Käßmann, wie sie das häufig schafft, den Kern des Problems an: Pfarrer und Bischöfe können nicht einfach hinter einem Schutzwall von Verordnungen verschwinden. Von ihnen wird ein Mehrwert erwartet, ein positives Signal. Gebetszettel mit Fürbitten an die Seuchenpatrone Sebastian sowie die heilige Corona sind gut, doch sie genügen nicht.

Eines Tages wird das Coronavirus niedergerungen sein. Die Menschen werden aus den Wohnungen kommen, sich die Augen reiben und die Isolation aufgeben. Stück für Stück werden wir die verlorene Freiheit neu erobern und jeden öffentlichen Schritt genießen. Auch die Kirchen werden dann wieder zu Gottesdiensten einladen, werden erneut zu öffentlichen Orten. Doch wie viele ihrer Gläubigen werden dann zurückkommen?

Das könnte Sie auch interessieren

Zwischen Speisekammer, Herdplatte und Fernseher hat man sich doch behaglich eingerichtet. Nach Corona wird nicht mehr vor Corona sein. Mancher wird für sich entdecken, dass es auch ohne kirchlichen Sonntag geht, nachdem die Sonntagspflicht fast spielerisch gekippt wurde. Corona beweist, was sich seit Längerem andeutet: Zu den systemrelevanten und existenzsichernden Bereichen scheinen die Kirchen nicht zu zählen – ihre Führer haben das selbst in die Wege geleitet.

75 Jahre Geschichte. 75 Jahre Erfahrung. 75 Jahre Journalismus. Sichern Sie sich jetzt für kurze Zeit ein ganzes Jahr zum Jubiläumspreis von 75 €.