Nach dem schweren Brückeneinsturz in Genua mit über 40 Toten will die italienische Regierung den Autobahnbetreiber zur Rechenschaft ziehen. Zunächst müsse die Führung des Unternehmens Autostrade per l'Italia zurücktreten, forderte Verkehrsminister Danilo Toninelli am Mittwoch im Netzwerk Facebook. Außerdem prüfe die Regierung die Auflösung des Vertrags mit der Firma sowie Bußgeldforderungen in Höhe von bis zu 150 Millionen Euro.

Auf einmal war da nichts mehr - nach der Brückenkatastrophe herrscht in Genua Fassungslosigkeit und wachsende Wut.
Auf einmal war da nichts mehr - nach der Brückenkatastrophe herrscht in Genua Fassungslosigkeit und wachsende Wut. | Bild: Luca Zennaro/ANSA

Der Minister begründete die Überlegungen der Regierung mit Vertragsbrüchen seitens des Unternehmens. Der Vize-Regierungschef und Chef der Partei Fünf Sterne, Luigi Di Maio, machte die Firma direkt für das Unglück verantwortlich: "Die Verantwortlichen haben einen Namen und einen Vornamen und es sind Autostrade per l'Italia", sagte er im italienischen Radio. Die Brücke sei nicht durch Schicksal eingestürzt, sondern weil die Wartung nicht erfolgt sei.

Was war passiert?

Die vierspurige Morandi-Brücke im Westen von Genua war am Dienstag auf der Autobahn A10 auf einer Strecke von mehr als 200 Metern zusammengebrochen. Lastwagen und Autos stürzten etwa 45 Meter in die Tiefe und wurden teils unter Betontrümmern begraben. Es gab über 40 Tote, die Zahl der Opfer könnte aber noch weiter steigen. 

Die A10 ist nicht nur die berühmte Urlaubsverbindung «Autostrada dei Fiori», sondern auch eine wichtige Verbindungsstraße nach Südfrankreich, in den Piemont und die Lombardei.

Die 1967 errichtete Brücke überspannte dutzende Bahngleise sowie ein Industriegebiet mit Gebäuden und Fabriken. Zum Unglückszeitpunkt wurden Wartungsarbeiten an der Brücke vorgenommen, außerdem gab es ein Unwetter. Die genaue Unglücksursache war aber noch unklar. Toninelli wurde am Mittwochvormittag am Unglücksort erwartet.

Der grün-blaue Lastwagen ist zum Symbol des verheerenden Einsturzes der Morandi-Brücke in Genua geworden.
Der grün-blaue Lastwagen ist zum Symbol des verheerenden Einsturzes der Morandi-Brücke in Genua geworden. | Bild: Antonio Calanni/AP

Die Brücken-Katastrophe lässt in Italien die Alarmglocken schrillen. Laut der Tageszeitung «La Repubblica» sind um die 300 Brücken und Tunnel marode. Grund dafür seien die veraltete Infrastruktur und die lückenhafte Instandhaltung.

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Kritik gab es an dem nun eingestürzten Polcevera-Viadukt wegen hoher Baukosten schon seit seiner Erbauung. Doch auch kostspielige Renovierungen sorgten immer wieder für Diskussionen.

Die Brücke, die im Westen von Genua unter anderem über Gleisanlagen und ein Gewerbegebiet führt, hat eine Gesamtlänge von 1182 Metern.

Wie von einer Riesenfaust zerstört: Feuerwehrleute bergen einen Verletzten.
Wie von einer Riesenfaust zerstört: Feuerwehrleute bergen einen Verletzten. | Bild: Luca Zennaro/ANSA/AP

Mehr als 400 Menschen seien obdachlos, erklärte der Staatssekretär im Verkehrsministerium, Edoardo Rixi.

Ihm zufolge wird der Einsturz weitreichende Konsequenzen haben, da die Brücke komplett abgerissen werden müsse.

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Das werde «schwerwiegende Auswirkungen» auf den Verkehr haben und so Probleme für Bürger und Unternehmen bringen.

Feuerwehrleute bergen einen Verletzten aus den Trümmern der Brücke. Foto: Luca Zennaro/ANSA/AP
Feuerwehrleute bergen einen Verletzten aus den Trümmern der Brücke. Foto: Luca Zennaro/ANSA/AP | Bild: dpa

Das sagt der Regierungschef

Regierungschef Giuseppe Conte forderte bei einem Besuch am Unglücksort eine Überprüfung der "gesamten Infrastruktur" im Land.

Nach Angaben des Zivilschutzes sind insgesamt rund tausend Einsatzkräfte an den Bergungsarbeiten beteiligt, darunter Beamte von Feuerwehr und Polizei sowie Mitarbeiter des Roten Kreuzes. 

Blick auf die in Genua eingestürzte Autobahnbrücke. Foto: Nicola Marfisi/AP
Die Brücke stürzte auf einer Länge von etwa 100 Metern ein. | Bild: dpa

Das sagen Helfer

"Die Hoffnung stirbt nie, wir haben bereits ein Dutzend Menschen aus den Trümmern gerettet", sagte ein Vertreter der Feuerwehr, Emanuele Gissi, der Nachrichtenagentur AFP. Er kündigte an, die Helfer blieben "rund um die Uhr" im Einsatz.

Ein zur Verstärkung eingetroffener Feuerwehrmann aus Frankreich, Patrick Villardry, sagte AFP, der Einsatz sei äußerst schwierig. "Die ersten Opfer an der Oberfläche konnten in Sicherheit gebracht werden, jetzt muss unter den Trümmern der Häuser gesucht werden, aber da sind tausende Tonnen Beton."

Das sagen Augenzeugen

Ein marokkanischer Lkw-Fahrer, der auf der Brücke gerade noch rechtzeitig anhalten konnte, berichtete von dem Unglück: "Ich sah einen grünen Lastwagen vor mir anhalten und dann zurücksetzen, also hielt ich auch an, schloss den Lkw ab und rannte", sagte der 39-jährige Afifi Idriss AFP.

Der grüne Lkw stand am Dienstagabend noch immer auf dem Rest der Brücke - direkt vor dem Abgrund.

Das sagt ein Überlebender

Wie durch ein Wunder hat der italienische Ex-Fußballprofi Davide Capello den Brücken-Einsturz von Genua überlebt. Er stürzte am Dienstag beim Zusammenbruch der über 40 Meter hohen Morandi-Brücke mit seinem Auto in die Tiefe. 

„Ich erinnere mich an die Straße, die nach unten stürzte. Und ich hatte das Glück, dass ich, ich weiß auch nicht wo, gelandet bin“, sagte er Reportern am Dienstag im Krankenhaus. 

Es sei wie eine Szene aus einem apokalyptischen Film gewesen, zitierte ihn die Nachrichtenagentur Ansa. 

Capello spielte beim sardischen Erstligisten Cagliari Calcio, damals noch ein Serie-B-Verein. Mittlerweile arbeitet er für die Feuerwehr.

Er selbst habe die Rettungskräfte an der Unglücksstelle informiert und auch seine Familie verständigt. „Es war schockierend“, sagte Capello mehrfach zu den Reportern. Er habe noch immer das Bild der zusammenbrechenden Brücke vor sich.

(dpa und AFP)