Donald Trump hat sein Ebenbild gefunden. Der Unberechenbare trifft auf einen mindestens ebenso Unberechenbaren: Nordkoreas Diktator Kim Jong Un scheut sich nicht vor der Drohung, das geplante Gipfeltreffen, das schon jetzt als historisch gilt, platzen zu lassen. Das passt zu Trumps Rufen, er könne jederzeit vom Verhandlungstisch aufstehen. Der Mann, der sich schon selbst im Vorhinein den Friedensnobelpreis zuspricht, läuft Gefahr, zum Düpierten werden. Stünde nicht der Frieden in der Region und darüber hinaus auf dem Spiel, könnte man einfach dabei zusehen, wie zwei Elefanten aufeinanderzustürmen und dabei den Porzellanladen kurz und klein schlagen. So aber bleibt die Angst, wie das Kräftemessen der Egomanen ausgeht.

Dennoch hat die Situation ihr Gutes. Denn erstmals wird der Meister der Großspurigkeit zum Innehalten gezwungen. Trump, Freund der Mauer, wenn es um die Abschottung von Mexiko geht, läuft nun selbst gegen eine Wand. Erstmals ist der Präsident, der schneller twittert als er denkt, sprachlos. Trumps Alleingang bei der Iranpolitik beruhte auf der irrigen Annahme, er könne einen noch strengeren Vertrag mit der iranischen Regierung aushandeln. Zudem ließ er sich von Israels Propagandaoffensive blenden, es gebe neue Beweise, dass sich Teheran nicht an die Vereinbarungen hält. In Brüssel laufen derweil die diplomatischen Drähte heiß – die EU tut alles dafür, das Abkommen mit dem Iran zum Verbot der Entwicklung von Atomwaffen am Leben zu halten. Wer es zunichte macht, stürzt die Welt in Unsicherheit.

Dass Trump völlig unreflektiert Entscheidungen trifft, ist nichts Neues. Doch gerade am Beispiel Nordkorea wird deutlich, dass er ohne jegliche Strategie vorgeht – mehr noch: ohne jede Logik. Denn während er einerseits das Atomabkommen mit Iran aufs Spiel setzt, glaubt er mit Pjöngjang ein solches erreichen zu können. Mit einem Land, das jährlich drei Milliarden – ein Drittel seiner Jahreswirtschaftsleistung – in sein Atomprogramm investiert, allen Wirtschaftssanktionen zum Trotz. Niemand weiß, wie Nordkorea diese Ausgaben finanziert. Trumps bisheriges Konzept, das auf unhaltbaren Drohungen und gefährlicher Kriegsrhetorik besteht, beeindruckt einen wie Kim Jong Un deshalb nicht im Geringsten. Das Spiel des Säbelrasselns beherrscht der Diktator – womöglich besser als der US-Präsident.

Deshalb stellt Kim Jong Un auch ohne zu zögern den gerade erst angestoßenen Friedensprozess mit Südkorea in Frage, der die "vollständige Denuklearisierung" der Halbinsel zum Ziel hatte. Die Schuld dafür gibt er Trump, der es gewöhnt ist, andere für seine Fehler verantwortlich zu machen. Ob im Juni sowohl Kim Jong Un als auch Trump in Singapur an den Verhandlungstisch kommen, scheint ungewiss. Bei einer Absage drohen beide ihr Gesicht zu verlieren. Wohl auch deshalb geben sich die USA ungewöhnlich demütig, arbeiten weiter an den Vorbereitungen des Treffens. Pjöngjang hat seinerseits ein Interesse daran, das Treffen nicht platzen zu lassen. Kim Jong Un kann es sich nicht leisten, den mächtigen Nachbarn China dauerhaft zu provozieren. Denn wirtschaftlich ist er praktisch abhängig von Peking. Seine Unberechenbarkeit wird dadurch berechenbarer.

Trump dagegen ist unberechenbar, weil er planlos ist. Einerseits verdonnert er China mit seiner Amerika-zuerst-Politik zu noch höherern Strafzöllen, als Peking wegen seiner Dumpingexporte ohnehin schon zahlen muss. Gleichzeitig erwartet der US-Präsident von der Volksrepublik Unterstützung für seine harte Korea-Linie. Und verkennt, dass der asiatische Riese weder ein Interesse an der Wiedervereinigung der Halbinsel noch am Sturz Kim Jong Uns haben kann. Denn im ersten Fall droht Korea mächtiger zu werden, als Peking lieb sein dürfte. Im zweiten Fall müsste China mit politischer Instabilität und Flüchtlingsströmen rechnen. Für Trump gibt es nur einen Plan A. Misslingt er, ist der Frieden in Fernost bedrohter denn je.