Mit Hammerschlägen an einer Bahnstrecke in Aserbaidschan ist eine neue Ära des internationalen Handels eingeläutet worden – das jedenfalls hofft der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan, der bei der Zeremonie vor einigen Tagen mit seinen Kollegen aus Aserbaidschan und Georgien den Hammer schwang. Erdogan und die anderen weihten eine neue Bahnverbindung namens BTK ein, die das aserbaidschanische Ufer des Kaspischen Meeres mit der georgischen Hauptstadt Tiflis und dem osttürkischen Kars verbindet und ein wichtiges Bindeglied bei einem Mega-Projekt darstellt: Ziel ist eine neue „Seidenstraße“ aus Schienen, die China und Europa verbindet.

Der uralte Handelsweg von Anatolien nach Zentralasien und China war über Jahrhunderte die wichtigste Ader des Welthandels. Chinas Aufstieg zur globalen Wirtschaftsmacht hat das Interesse an schnelleren Verbindungen zwischen Ostasien und Europa wieder wachsen lassen. Die Chinesen weihten bereits im Januar eine eigene Zugverbindung über Kasachstan und Russland nach Westeuropa ein.

 

Die Seidenstraße von China nach Europa

  • Der Name
    Der deutsche Geologe und Geograf Ferdinand von Richthofen gab der alten Handelsroute zwischen China und Europa 1877 den Namen "Seidenstraße". Der Name stammt von einem der wichtigsten Handelsgüter – der Seide, die schon im alten Rom sehr beliebt war.
  • Die Geschichte
    Der Handel von Asien nach Europa begann vor mehr als 2000 Jahren. Die weite und gefährliche Karawanenreise über Zentralasien dauerte einst mehrere Jahre, auch der Seeweg wurde immer wichtiger für das antike Handelsnetz. Handelsschiffe knüpften im 8. Jahrhundert erste Verbindungen zwischen China und der arabischen Region. Mit der zunehmenden Seefahrt verlor der Landweg langsam an Bedeutung.
  • Die Waren
    Gehandelt wurde außer mit Seide und anderen Textilien auch mit Gewürzen, Pelzen, Holzarbeiten, Porzellan, Edelsteinen, Jade oder Tee. Die Händler brachten Gold, Silber, Glas, Elfenbein, Wein, Feigen oder Walnüsse zurück. Getauscht wurde auch Gedankengut. So verbreiteten sich Religionen wie Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus oder Hinduismus über die Handelswege.
(dpa)

 

Erdogans Seidenstraßen-Teilstück BTK, das mit mehreren Jahren Verzögerung fertig wurde, soll nicht nur schneller sein als die chinesische Variante, sie soll auch Russland und den Iran umgehen, um mögliche Störungen des Warenstroms zu vermeiden. Von China geht die Reise nach Kasachstan, von dort aus per Fähre über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan und weiter nach Westen. Die jetzt eingeweihte BTK-Strecke, zu der auch eine Anlage zur Spurweiten-Anpassung zwischen Georgien und der Türkei gehört, ist mehr als 800 Kilometer lang und hat mehr als eine Milliarde Dollar gekostet; das meiste Geld kam von der aserbaidschanischen Ölgesellschaft.

Geografisch wäre auch eine kürzere Strecke möglich gewesen, doch Aserbaidschan und die Türkei wollten das mit ihnen verfeindete Armenien nicht in den Genuss der Handelskooperation bringen und wählten deshalb den Umweg über Georgien. Der Boykott war der Grund dafür, dass die beteiligten Staaten das Projekt ohne internationale Hilfe finanzieren mussten: Die Weltbank befürwortete eine direktere Streckenführung durch Armenien. In Kars werden Güter- und Personenzüge aus dem Osten an das türkische Bahnnetz angeschlossen, um weiter nach Westen zu gelangen. In Istanbul soll der vor vier Jahren eingeweihte Bahntunnel „Marmaray“ die reibungslose Verbindung von Asien nach Europa unter dem Bosporus hindurch sicherstellen. Mithilfe der BTK wird die Reise aus China nach Europa künftig 15 Tage dauern, das ist doppelt so schnell wie die Seeverbindung. Auf der chinesischen Bahn-Seidenstraße dauert die Fahrt 18 Tage.

Eine Million Reisende und 6,5 Millionen Tonnen an Gütern streben Türkei, Aserbaidschan und Georgien für das erste Jahr an. Nach einem weiteren Ausbau sollen in den kommenden Jahren noch wesentlich mehr Züge rollen. Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew nannte die Größenordnung von jährlich 17 Millionen Tonnen an Fracht für die nächste Stufe. Dabei muss es nicht immer gleich von Beijing nach London gehen: Als Anrainer der Schienen-Seidenstraße hoffen die drei BTK-Länder auch auf einen Aufschwung im Handel zwischen dem Kaukasus und Zentralasien. Die türkische Regierung setzt auf neue wirtschaftliche Impulse für ihren armen Nordosten.

Eine funktionierende Seidenstraße würde auch die internationale Bedeutung der Türkei als Transitland für Energie und Handel stärken. Schon jetzt führen Öl- und Gaspipelines durch Anatolien; der Bosporus ist eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt. Mit einem neuen Flughafen in Istanbul will die Türkei ihre Metropole zu einem der wichtigsten Drehkreuze im Luftverkehr machen. Handelspolitische Impulse kann die Türkei gut gebrauchen. Der Export ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. Außenpolitisch ist das Land zunehmend isoliert: Zu den Krisen und Konflikten bei den südlichen Nachbarn Syrien und Irak kommen politische Spannungen mit Deutschland und den USA. Kein Wunder also, dass Erdogan von einem „sehr wichtigen Schritt“ sprach. Die BTK-Bahnverbindung sei ein Teil „der neuen Seidenstraße, die Asien, Europa und Afrika miteinander verbinden soll“, schwärmte der türkische Präsident.