Susanne Güsten und Thomas Seibert geht es wieder ein wenig wie damals, als sie vor über 20 Jahren lediglich mit zwei Rucksäcken und einer Luftmatratze in die Türkei auswanderten, um dort zu leben und zu arbeiten. Die heute 55-Jährigen brachen alle Zelte ab in Deutschland, gaben ihre Jobs als Journalisten von Nachrichtenagenturen auf, um aus jenem Land zu berichten, dass damals „noch ein weißer Fleck“ auf der Landkarte der politischen Wahrnehmung in der Bundesrepulik war, wie es Güsten umschreibt.

Thomas Seibert beschreibt die Situation in der Türkei.
Thomas Seibert beschreibt die Situation in der Türkei. | Bild: Reinhardt, Lukas

Inzwischen sind die beiden Korrespondenten, die auch für den SÜDKURIER berichten, wieder fast alleine: Viele Journalisten haben das Land verlassen, seit Staatschef Recep Tayyip Erdogan den Putschversuch 2016 nutzte, um die Republik nach seinen Vorstellungen umzubauen – hin zu einem zunehmend autokratischen System, in dem er Staatspräsidentschaft und Regierungschef verschmolz und das Parlament schwächte, die Inlandspresse an die Kette legte und in diesem Jahr schließlich versuchte, auch die Auslandspresse mundtot zu machen.

Reise ins Ungewisse

Güsten und Seibert sind ein Paar, sie lernten sich als Agenturjournalisten kennen und beschlossen Ende der 90er, den Sprung ins Unbekannte zu wagen. Seither haben sie in Istanbul, einer Metropole von 17 Millionen Einwohnern, ihre neue Heimat gefunden. Ihre Tochter ging dort zur Schule, die Familie hatte sich dort ein Zuhause geschaffen – inklusive Katzen. Und plötzlich stand all das auf dem Spiel.

Die Türkei-Korrespondenten Susanne Güsten (2.v.l.) und Thomas Seibert mit Politikchef Dieter Löffler (l.) und Politikredakteurin Mirjam Moll.
Die Türkei-Korrespondenten Susanne Güsten (2.v.l.) und Thomas Seibert mit Politikchef Dieter Löffler (l.) und Politikredakteurin Mirjam Moll. | Bild: Reinhardt, Lukas

Seibert stand kurz davor, dass Land verlassen zu müssen. Denn zum ersten Mal in mehr als zwei Jahrzehnten wurde der Antrag des 55-Jährigen auf eine Akkreditierung, die Erlaubnis, um in dem Land als Journalist arbeiten zu dürfen, verweigert – betroffen war auch ein Kollege des ZDF, Jörg-Hendrik Brase. Eine formlose E-Mail, ohne Erklärung, informierte ihn über das Nein. Seibert wusste von nichts und fiel aus allen Wolken. Ohne Akkreditierung blieben ihm nur zehn Tage Zeit, das Land zu verlassen.

Die Krise verschärfte sich, als ein türkischer Presseattaché Kontakt mit dem Berliner Tagesspiegel aufnahm, für den Seibert berichtet. Sein Anliegen: Die Zeitung möge doch einfach den Korrespondenten austauschen, sein Ersatz bekäme dann auch die nötige Zulassung.

Unterschätzte Diplomatie

„Das hat Ankara völlig unterschätzt, wie Berlin reagieren würde“, sagt Güsten. Die Bundesregierung schaltete sich ein, übte massiven Druck aus und machte klar, dass sich die deutsche Presse nicht diktieren lassen würde, wen sie als Korrespondenten in die Türkei einsetzen. „Das war ein Fehler, dass sie bei Deutschland anfingen“, betont Güsten. Andere Länder wie die USA, wo Journalisten zum Teil selbst von der Regierung gegängelt werden, hätten anders reagiert, mutmaßt die Korrespondentin.

Susanne  Güsten im Gespräch mit der SÜDKURIER-Redaktion. Bilder: Lukas Reinhardt
Susanne Güsten im Gespräch mit der SÜDKURIER-Redaktion. | Bild: Reinhardt, Lukas

Dennoch musste das Ehepaar bangen – sechs Wochen lang lebten sie in Unsicherheit, Seibert hatte das Land schon verlassen, Güsten war dabei, den Haushalt aufzulösen: „Der Umzugswagen war schon bestellt“, erinnert sie sich. Auch die Versorgung der Katzen war organisiert, die wegen der Quarantäne-Bestimmungen erst nach drei Monaten in die EU hätten zurückgeholt werden können. Doch dann kam der Wendepunkt. Die deutsche Diplomatie hatte Erfolg, Seibert bekam einen Anruf aus dem Presseamt, dass er doch eine Akkreditierung bekomme.

Die Entwicklung war absehbar. „Das fing in den vergangenen Jahren an, dass die Anträge missliebiger Journalisten einfach nicht mehr bearbeitet wurden“, berichtet Seibert. Nach der Krisenintervention aus Berlin glauben aber sowohl Seibert und Güsten, dass Ankara die ausländische Presse nicht mehr antasten wird. Doch Fälle wie jene von Denis Yüzel sind immer im Hinterkopf. Und viele türkische Journalisten sitzen in Haft – oft unter dem Vorwand, den Putsch unterstützt zu haben oder Terrororganisationen zu unterstützen. „Brase und ich, das war die Deluxe-Version, wie mit Journalisten umgegangen wird“, verdeutlicht Seibert.

Die Journalisten in der Türkei leben unter dem ständigen Druck, dass sie jederzeit hinter Gitter gebracht werden können. Die Oppositionspresse lebt unter ständiger Existenzangst, weil Unternehmen keine Werbung mehr bei ihnen schalten wollen. „Da geht es um Freiheit und vielleicht sogar das Leben“, betont Güsten. „Viele Kollegen arbeiten mit der Faust in der Tasche für regierungsnahe Medien, weil sie eben ihre Familien ernähren müssen“, ergänzt Seibert.

Das Paar selbst fühlt sich nach dem Vorfall sicherer als vorher, gestärkt durch den Rückhalt aus Berlin, aber auch einem größeren Verständnis in der deutschen Presse, wie schwierig die Berichterstattung vor Ort sein kann. „Oft geht es uns auch um den Schutz der Leute, die wir zitieren“, macht Seibert klar.

Redaktionsbesuch der Türkei-Korrespondenten Thomas Seibert und Susanne Güsten
Redaktionsbesuch der Türkei-Korrespondenten Thomas Seibert und Susanne Güsten | Bild: Reinhardt, Lukas

„Früher war die Türkei ein Land, in dem jeder alles sagen konnte“, sagt Güsten. „Das hat sich dramatisch verändert.“ Namen müssten geändert werden, Nachnamen wolle niemand mehr nennen – selbst Experten wie Uniprofessoren wollten sich nicht mehr offiziell zitieren lassen. Dennoch gibt es Zeichen für einen Umbruch.

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Nach den Kommunalwahlen seien die Menschen erstmals wieder auf sie zugekommen, wollten sich äußern, erzählt Güsten. Am Sonntag wird in Istanbul die Wahl wiederholt, die Erdogans AKP unter Vorwänden als ungültig erklären ließ. Die Regierungspartei schnitt dort schlechter ab als sonst, ein Oppositionskandidat machte das Rennen. Ein türkischer Frühling?

Doch der Stand Erdogans im Land ist nach wie vor stark. „Erdogan hat sehr starke autokratische Züge bekommen, aber er vertritt immer noch einen großen Teil der Bevölkerung“, betont Güsten. Vielen Menschen geht es besser, seit Erdogan an die Macht kam. Ihm wird der türkische Wirtschaftsboom zugeschrieben, der seit der Krise und dem Machtausbau allerdings gehörig ins Straucheln geriet.

Dabei war Erdogan einmal ein pro-europäischer Politiker, der sein Land in die EU führen wollte. „Aber Angela Merkel und Nicolas Sarkozy (der damalige französische Präsident, A.d.R.) haben ihm die Tür ins Gesicht geschlagen“, sagt Güsten. Beide hätten Erdogan klargemacht, dass er nicht in die EU käme. „Europa hat sehr viel Anteil daran, dass die Türkei heute so ist, wie sie ist“, kritisiert die Korrespondentin unumwunden. Ein Interesse, die von der EU geforderten Reformen umzusetzen, wie die Wiederherstellung der Meinungs- und Pressefreiheit oder auch die Wirtschaft stärker zu liberalisieren, würde einen Machtverlust bedeuten, erläutert Seibert. „Das ist im Moment ausgeschlossen.“

Der Mann, den Seibert früher als „bedächtig, ruhig und klug“ betrachtete, hat sich verändert. Umgeben von einer Blase von Sicherheitsleuten, hörigen Beratern und Ministern verliere er zunehmend den Bezug zu den Menschen: „Früher ist er mit einem Fahrzeug raus und zu einem örtlichen Friseur gegangen, hat mit den Leuten gesprochen. Heute sind es hunderte Fahrzeuge, Scharfschützen werden postiert und der Geheimdienst filzt vorher die Umgebung.“ Ein begabter Redner sei er, aber mit scharfer Zunge. „Früher war er witzig und spritzig in seinen Reden“, erinnert sich Güsten. „Heute ist er zunehmend böse und gemein.“

„Die Regierung ist mehr und mehr zu einem Regime geworden“, bringt es Seibert auf den Punkt. Politische Inhalte werden austauschbar, es geht um Machterhalt. Doch Erdogan hat es sich mit seinen Bündnispartnern verspielt, „inzwischen ist er bei den Nationalisten angekommen“, gibt Güsten zu bedenken. Wenn er bei den Wahlen keine absolute Mehrheit mehr erreicht, trotz des zu seinem Vorteil umgebauten Wahlsystems, wäre er auf Partner angewiesen. Zeitgleich bleibt die Zivilgesellschaft im Land stark, hebt Güsten hervor. „Je schlimmer es wird, desto mehr Risiken gehen die Menschen ein.“

Langsamer Prozess

Doch die Veränderung geht nur langsam voran – auch bei den jüngeren Generationen. Sie sind nach wie vor geprägt von ihren Eltern und Großeltern, denen es mit Erdogan besser ging als zuvor. Oft sind sie selbst auf ihre Familien angewiesen: Die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen liegt bei fast 25 Prozent – so viel wie in den Hochzeiten der griechischen Wirtschafts- und Finanzkrise. Proteste oder Demonstrationen gibt es dennoch nicht – die türkischen Familien seien eben solidarisch und unterstützten sich gegenseitig, erklärt Güsten. Auch die Massenentlassungen in verschiedenen Wirtschaftszweigen rufen keinen größeren Widerstand hervor. „Aber es ist eben auch nicht ohne Weiteres möglich, einen Verband zu gründen“, gibt Seibert zu bedenken.

Die beiden haben gelernt, mit der Situation zu leben. Die Türkei ist für sie nicht mehr nur ein Arbeitsplatz, sondern ihre Heimat. Den kritischen Blick auf Erdogan behalten sie dennoch, haben „keine Schere im Kopf“: „Es ist ohnehin sinnlos, Selbstzensur zu üben – die können einem aus allem einen Strick drehen.“

 

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