Eine Welt ohne Angela Merkel? Für viele 18-, 20-Jährige ist das praktisch nicht vorstellbar. Die CDU-Vorsitzende war Kanzlerin, so weit das politische Bewusstsein dieser Erstwähler zurückreicht. Sie seien die „Generation Merkel“, gewissermaßen „Muttis Kinder“, so empfindet das SÜDKURIER-Praktikantin Sanja Steinwand.

Tatsächlich ist die Ostdeutsche nicht die erste Kanzlerin, die eine Generation prägte. Noch länger als Merkel, die es bislang auf 13 Jahre Kanzlerschaft bringt, regierte bekanntlich ihr Parteifreund und einstiger Mentor Helmut Kohl. Wer während seiner 18-jährigen Regentschaft jung war, kannte auch nichts anderes als den Pfälzer, dem übrigens – wie später Merkel – auch schon das Aussitzen von Themen vorgeworfen wurde. Minder erfolgreich war er deshalb nicht.

Wir haben uns gefragt: Wie sehr wirkt solch ein Langzeit-Kanzler auf die Jugend ein? Was bleibt von dieser Zeit des aufkeimenden politischen Interesses im späteren Leben übrig? Bleibt man etwa für immer SPD-Anhänger, weil einen deren Vorsitzender Willy Brandt in der Jugend begeisterte?

Der Freiburger Politikwissenschaftler Ulrich Eith bezweifelt Letzteres. Kollektiven Prägungen von ganzen Generationen gingen in der Regel einschneidendere Erfahrungen als das gemeinsame Erleben eines Bundeskanzlers voraus. Eith verweist auf die Generation mit Kriegserfahrung, die sich in der jungen Bundesrepublik nichts mehr wünschte als Ruhe und Ordnung. Oder auf die Nachkriegsgeborenen, für die Umweltschutz, Frieden und Emanzipation später zu den ganz großen politischen Themen wurden. Allerdings stellt auch Eith fest, dass für die Bindung an eine Partei das Geburtsjahr durchaus eine Rolle spielen kann. So würden die Grünen hauptsächlich von jenen gewählt, die zur Zeit der Grünen-Gründung 1980 30 Jahre oder jünger gewesen seien. „Die einzige Ausnahme war die Wahl von Winfried Kretschmann“, so Eith. Beim baden-württembergischen Ministerpräsidenten machten auch Ältere vermehrt ihr Kreuzchen.

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Einfluss auf die Jugend könnten Kanzler aber auf jeden Fall nehmen, meint Eith: So weckte der charismatische Brandt mit seinem neuen Ansatz beim Ost-West-Konflikt in vielen jungen Leuten überhaupt erst die Begeisterung für Politik. Politiker von Format – und das müssen Kanzler sein, zumal, wenn sie wiedergewählt werden – können auch prägen, indem sie polarisieren. Aber lesen Sie selbst, wie vier unterschiedlich geprägte SÜDKURIER-Vertreter „ihre“ Kanzler erlebt haben.

1991 wird Angela Merkel Bundesministerin für Frauen und Jugend.
1991 wird Angela Merkel Bundesministerin für Frauen und Jugend. | Bild: dpa-Archiv
1997 – Merkel ist Umweltministerin und CDU-Generalsekretärin.
1997 – Merkel ist Umweltministerin und CDU-Generalsekretärin. | Bild: dpa-Archiv
2001 – Angela Merkel ist bereits ein Jahr CDU-Vorsitzende.
2001 – Angela Merkel ist bereits ein Jahr CDU-Vorsitzende. | Bild: Shawn Thew/AFP
2013 steht Merkel als Kanzlerin der zweiten großen Koalition vor.
2013 steht Merkel als Kanzlerin der zweiten großen Koalition vor. | Bild: dpa-Archiv
2013 steht Merkel als Kanzlerin der zweiten großen Koalition vor.
2013 steht Merkel als Kanzlerin der zweiten großen Koalition vor. | Bild: dpa-Archiv

Wir sind die Generation Merkel

Dreizehn Jahre Merkel. Für meine Generation – die „Digital Natives“ – eine ganze Lebenszeit. An Gerhard Schröder können sich die wenigsten von uns erinnern. Denn als uns so langsam bewusst wurde, was ein Kanzler überhaupt ist, da war das schon die Angie. Seit jeher sehen wir im Fernsehen die zu einer Raute geformten Hände und in der Zeitung ihre bunten Anzugsjacken. Wir werden älter, pubertieren und überlegen, was wir studieren wollen. Angela Merkel aber war immer da – selbst der Haarschnitt blieb gleich – nur die Falten um den Mund werden immer tiefer. Es ist schon eine rührselige Beziehung: Mutti Merkel und ihre Kinder.

Dann die Bundestagswahl 2017. Für viele von uns steht das erste Mal Wählen an. Und siehe da, die meisten Erstwähler (24 Prozent) haben die CDU gewählt. Schließlich kennen wir nichts anderes und uns gefällt Merkels Gar-Nicht-So-Konservative-Politik.

Die Generation unserer Eltern wirft uns Politikverdrossenheit vor, weil wir keine Revolten mehr anzetteln, wie sie es in ihrer Jugend taten. Instagram, Snapchat und YouTube beschäftigen viele von uns mehr als das politische Geschehen.

Ein Neo-Biedermeier? Pessimistisch ausgedrückt, ja. Aber mal aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, kann man uns vorwerfen, dass wir zufrieden mit unserer Kanzlerin sind? Ist ein „Weiter so!“ keine politische Meinung? Und wenn unsere uns so vertraute Kanzlerin eine „Ausharrpolitik“ an den Tag legt, ist es dann verwunderlich, wenn wir ihr es gleichtun?

Sanja Steinwand.
Sanja Steinwand, 18 Jahre alt, stammt aus Frankfurt am Main und arbeitet als Praktikantin in der SÜDKURIER-Redaktion in Konstanz. | Bild: Bernhardt, Alexander

 

Eine Jugend unter "Birne"

Als Helmut Kohl 1982 Kanzler wurde, hab ich das nicht mal mitbekommen. Ich war in der vierten Klasse und interessierte mich für Pferdebücher und Bäumeklettern. Er war also quasi immer schon da gewesen, als so etwas wie ein politisches Bewusstsein in mir erwachte. Was so etwa fünf, sechs Jahre später gewesen sein muss. Meine Freundinnen und ich demonstrierten gegen die Errichtung einer Müllverbrennungsanlage in der Nachbarschaft und trugen Flickenhosen zu selbstgebatikten T-Shirts.

Kohl, oder eigentlich „Birne“, war so ziemlich das Gegenteil davon, wie wir sein wollten: altväterlich (Weste), patriarchalisch (da wurden gestandene Frauen leicht zu „Mädchen“), spießig (Urlaub am Wolfgangssee, Saumagen). Ganz davon abgesehen, dass er immer etwas an sich hatte, das zu Spott einlud. Natürlich waren nicht alle Mitglieder meiner Generation Ökos wie wir, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Heavy-Metal-Fans, die Popper, die Gruftis oder die Punks jemals für Kohl gestimmt haben. Trotzdem blieb uns „Birne“ als Kanzler erhalten – noch weit über unser Abitur hinaus. Richtiggehend weggewünscht haben wir ihn uns damals. So sehr, dass wir sogar auf Rudolf Scharping hofften – was ungefähr das Ausmaß unserer Verzweiflung zum Ausdruck bringt.

Kohls Verdienste, nicht zuletzt um die deutsche Einheit, haben wir glatt ignoriert. Un- und selbstgerecht, wie nur Jugendliche sein können, war auch der „Mantel der Gechichte“ (O-Ton Kohl) für uns nur ein guter Gag.

Angelika Wohlfrom Foto: Oliver Hanser
SÜDKURIER-Redakteurin Angelika Wohlfrom ist 45 Jahre alt und auf der rauen Ostalb groß geworden. Sie ist Politikredakteurin beim SÜDKURIER. Heute trägt sie keine Flickenhosen mehr. | Bild: Oliver Hanser

 

Es regierte immer nur die SPD

Als ich Ende der 60er-Jahre ein kleiner Junge war, hatten wir noch keinen Fernseher, und deshalb lief immer ein Radio bei meiner Mutter in der Küche. Zwei Namen sind mir im Gedächtnis geblieben. Der eine lautete „Saigon“, die damalige Hauptstadt von Südvietnam, wo der Amerikaner gegen die Kommunisten kämpfte; der andere Name war „Kiesinger“. Aber dass der in Bonn Kanzler der großen Koaliton war, verstand ich damals noch nicht.

Mit dem Begriff „Kanzler“ konnte ich erst um 1970 etwas anfangen, als ich in die Schule kam. Mit dem Namen Willy Brandt begann für mich der endlos lange Zeitstrahl, über dem „SPD-Regierung“ stand. Anfangs war die Sache sogar für einen Grundschüler richtig spannend, weil turbulent. Da war im April 1972 das Misstrauensvotum, mit dem CDU-Chef Rainer Barzel die Macht gegen Brandt erobern wollte und nur mit zwei Stimmen knapp scheiterte.

Als Brandt 1974 nach fünf Jahren wegen der Spionage-Affäre Guillaume gehen musste, empfand ich das als lange Regentschaft. Aber mit Helmut Schmidt, dem Chefbuchhalter der SPD mit der Prinz-Heinrich-Mütze, sollte die Dauerpräsenz der SPD im Kanzleramt erst so richtig beginnen: In diesen acht Jahren mit dem ganzen Trubel um den RAF-Terror, die Wahlsiege gegen Helmut Kohl 1976 und Franz-Josef Strauß 1980 brachte ich es vom Viertklässler bis in die Riege der alten Haudegen und Nachwuchs-Biertrinker am Gymnasium. Kindheit und Jugend unter einem Mann namens Schmidt! Deutscher konnte es ja gar nicht laufen.

SÜDKURIER-Redakteur Alexander Michel.
SÜDKURIER-Redakteur Alexander Michel ist 54 Jahre alt und ging in Limburg an der Lahn zur Schule. Dass er beim SÜDKURIER Politikredakteur wurde, ist ein Verdienst von SPD und CDU. | Bild: Südkurier

 

Kein Mauerfall ohne Brandts Kniefall

Als Konrad Adenauer noch regierte, war ich schon auf der Welt. Im Gedächtnis ist mir ein alter Mann, der rein äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit einem meiner Opas zu haben schien, der auch gerne Adenauer zitierte: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.“ Der nächste Kanzler war Ludwig Erhard. Zu Hause hieß es, er sei der Grund, warum es Deutschland und uns gut ginge. Mein 1994 verstorbener Vater war Bauingenieur mit eigenem Büro, also Kleinunternehmer, und in jenen Jahren stand die CDU für arbeitgeberfreundlich, also für uns, und die SPD für arbeitnehmerfreundlich, also gegen uns.

Eine sehr verkürzte Sicht der Dinge, aber so hat man mich das als Kind wahrnehmen lassen. Man könnte heute auch sagen: Die Parteien hatten scharfes Profil! Ich war nicht wirklich politisch, bis erst meine Haare wuchsen und dann meine Widerspenstigkeit. Als die Kanzlerschaft von Kurt Georg Kiesinger 1969 dem Ende zuging, war ich schon mit Studenten auf der Straße mitgelaufen und hatte „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ gerufen – ohne zu wissen, worum es ging.

Bald darauf wusste ich es, meine Ansichten vertrugen sich kaum mehr mit denen meiner Erzieher. Onkel Peter nannte mich grinsend APO-Ralf oder auch Gammler, ich habe es eher als Kompliment genommen, als dass es mich gestört hätte. Dann kam Willy Brandt – für Vater ein arroganter Typ, für mich der Kanzler überhaupt. Seine Ostpolitik mit dem Kniefall von Warschau sehe ich als ersten Meilenstein auf dem Weg zur deutschen Einheit, die von Helmut Kohl vollendet wurde.

Ralf Mittmann
.Ralf Mittmann, 62, Leiter der SÜDKURIER-Sportredaktion. Nach Adenauer, Erhard, Kiesinger kam Kanzler Brandt und weckte mein politisches Interesse – dann aber richtig. | Bild: SK