Die Bilder sind bekannt, aber ihre Grausamkeit erschüttert immer wieder aufs Neue. Die Aufnahmen von Tierschützer Manfred Karremann über Tiertransporte in und aus der EU sind schlimmste Albträume: Verdreckte Transportanhänger, in denen tote oder völlig erschöpfte Rinder liegen, durstige Kälber, die verzweifelt zu trinken versuchen, aber nirgends Wasser finden, Tiere, die mit Schlägen auf Schiffe getrieben werden und – Gipfel der Quälerei – an einem einzigen Bein mit einer Seilwinde meterhoch vom Schiff auf einen Lastwagen abgelassen werden.

Lieber gleich wegschalten

Das sieht man nicht gern, und deshalb schalten die meisten Deutschen gern um, wenn diese Bilder im Fernsehen gesendet werden. Tatsache aber ist: So etwas geschieht täglich. Besonders schlimm sind die langen Lebendtiertransporte in den Nahen Osten, wo die Rinder dann auch noch geschächtet werden. Kleine Buben schauen zu, wenn die Tiere getreten, geblendet oder ihre Fußsehnen durchtrennt werden.

Seit einem guten Jahr amtiert Julia Klöckner nun als Bundes-Agrarministerin. Die CDU-Frau ist immer wieder durch Appelle aufgefallen, in denen sie Tiere als „Mitgeschöpfe“ bezeichnet. Das klingt gut und ließ manchen hoffen. Geschehen ist nichts; im Gegenteil, sie bremst, wo sie kann.

Bundesländer preschen vor

Nun haben mehrere Bundesländer bei den Tiertransporten die Notbremse gezogen. Hessen, Schleswig-Holstein und Bayern genehmigen keine Lebendtiertransporte mehr in eine Reihe von Staaten, bei denen der Tierschutz besonders im Argen liegt, darunter Ägypten, Libanon, Irak, Marokko, Türkei und Usbekistan.

Klöckner hatte nichts Dringenderes zu tun, als die Bundesländer wegen ihres „überstürzten Handelns“ zu kritisieren. Erst nach einem Brief mehrerer Landwirtschaftsminister aus den Bundesländern bot sie ein Gespräch an. Das wird im April sein. Voraussichtlich.

Das Land hält sich raus

Baden-Württemberg hält sich bislang fein raus. Die Grünenfraktion im Landtag, freilich selbst mit in der Regierung, forderte die Landesregierung um Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) auf, einen Exportstopp zu verhängen. Die verkündete nun vergangene Woche äußerst lauwarm, es gebe eine freiwillige Vereinbarung, und wegen der Blauzungenkrankheit dürften derzeit ohnehin keine Rinder exportiert werden. Was für eine Begründung!

Klöckner macht in Sachen Tierschutz immer mehr den Eindruck, wie viele Agrarminister vor ihr eher für die Agrarlobby als für leidende Tiere zuständig zu sein. Weitere Beispiele dafür sind das Hickhack um die betäubungslose Ferkelkastration und die mehr als schleppende Einführung eines staatlichen Tierwohl-Labels, bei dem die Discounter vorpreschten, weil sich in der Regierung nichts tat. Jetzt gibt es eines, aber nur für Schweine, und erst ab 2020.

Chronik des Versagens

Eigentlich hätte die betäubungslose Ferkelkastration Ende 2018 auslaufen sollen. Doch CDU- und SPD-Regierung beschlossen, dass sie weitere zwei Jahre fortbestehen kann. Die Bauern hatten erklärt, dass eine Betäubung der Tiere nicht machbar sei. Da werden also aus wirtschaftlichen Gründen männlichen Ferkeln ohne Betäubung der Hodensack aufgeschnitten und die Drüsen entfernt. Sind das „Mitgeschöpfe“?

Beim Insektensterben, das die besorgten Bayern zu einem Volksbegehren trieb, will Klöckner sich für einen Verbot von Neonicotinoiden im Freiland einsetzen. Tatsächlich wurden aber gerade neue Pflanzenschutzmittel mit diesen Stoffen zugelassen. Ansonsten hofft sie vor allem auf Freiwilligkeit. Sollte nicht die Politik Rahmenbedingen für die Wirtschaft setzen?

Der Verbraucher trägt zum Leid bei

Und da ist dann auch noch der Verbraucher. Die Deutschen finden Umwelt- und Tierschutz prima. Aber wenn das gemischte Hack mal wieder 3,99 pro Kilo kostet, kann man die Augen auch mal zumachen. Da ist es dann doch zu wenig, nur auf die wirtschaftsnahe Agrarminsterin einzuprügeln. Die Politik tut nichts, das ist wahr. Aber auch der Verbraucher muss seine Verantwortung wahrnehmen. So wie die Schüler, die derzeit jeden Freitag dafür demonstrieren, dass die Politik beim Klimaschutz endlich handelt.
 

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