Jene, die glaubten, Griechenland würde auch noch ein viertes milliardenschweres Hilfspaket benötigen, werden Lügen gestraft. Im Gegenteil: Von den veranschlagten 86 Milliarden Euro sind nur knapp 62 ausgeschüttet worden. das Land hat sich in den vergangenen drei Jahren durch ein Sparprogramm gearbeitet, das etwa 450 Einzelmaßnahmen umfasste, die Menschen auf die Straße trieb und das Land entzweite. Doch der größte Brocken ist geschafft. Natürlich müssen viele Reformen erst noch Früchte tragen. Sie sind zwar formal beschlossen – bis zur ihrer Umsetzung werden aber noch Jahre vergehen.

Die Zahlen sprechen für sich

Dass die Maßnahmen nötig und richtig waren, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Das Haushaltsdefizit, das nach den Regeln des Wachstums- und Stabilitätspakts der Eurozone maximal drei Prozent liegen darf, betrug 2009 mehr als 15 Prozent. Griechenland hatte jahrelang über seine Verhältnisse gelebt. Renten wurden gezahlt, die jene anderer, weitaus weniger verschuldeter Länder weit übersteigen. Unzählige Mehrwertsteuersätze wurden gestrichen, die Steuer besonders für Lebensmittel, Getränke, Restaurants und Cafés erhöhte, die zuvor nur reduzierte Sätze zahlten – so sie überhaupt ein Kassensystem führten und die Einnahmen versteuerten.

Der Staatsapparat war durch die Vetternwirtschaft so aufgeblasen wie unstrukturiert, es fehlte an grundlegenden Verwaltungsstrukturen wie etwa dem Grundbuch. Als einziges Land in Europa hinkte Griechenland seit zwei Jahrzehnten hinterher. Bis 2020 soll das künftige Katasteramt endlich auf dem Laufenden sein – und ein weiterer Meilenstein steht: Denn die verkrusteten Strukturen erschwerten Investitionen. Häfen wie Piräus wurden privatisiert, seitdem wächst der größte Anlegeplatz des Landes, der zuvor unrentabel war. Die Stromversorgung wurde ebenfalls verkauft. Die Grundlagen für Wirtschaftswachstum sind endlich geschaffen – und tragen erste Früchte.

Die EU-Kommission geht davon aus, dass Griechenland in diesem Jahr einen Primärüberschuss, also das Haushaltsplus vor dem Schuldendienst, von 3,5 Prozent erreichen und auch im kommenden Jahr halten wird. Zwar ist der Schuldenberg des Landes nach wie vor schwindelerregend hoch: Ende 2017 lag er bei 179 Prozent. Doch die zwischenzeitlich bei knapp 28 Prozent liegende Arbeitslosigkeit ist auf fast 20 Prozent im März gesunken.

Unter schlechten Vorzeichen

All das wurde ausgerechnet unter einer linkspopulistischen Regierung umgesetzt, die ursprünglich gewählt wurde, um die Griechen vom Joch des Brüsseler Diktats zu befreien, aber auch, weil die Bürger das Vertrauen in jene etablierten Parteien verloren hatten, auf deren politischen Versagen die Misere überhaupt begründet wurde. Schlechter hätten die Vorzeichen aus EU-Sicht kaum sein können. Doch Premier und Syriza-Chef Alexis Tsipras wurde vom erhofften Erzengel zum verhassten Heilsbringer des Landes. Trotzdem wurde der Premier nach den harten Verhandlungen um das dritte Hilfspaket im Herbst 2015 mit großer Mehrheit wiedergewählt. Die Gewissheit, dass das Land ohnehin keine Alternativen mehr hatte, war zu den Menschen durchgedrungen: Am Reformkurs führte kein Weg vorbei.

Die Wut der Griechen über die Konsequenzen der fetten Jahre ist dennoch verständlich. Sie hatten auf Basis der Versprechen der Politiker ihre Existenzen aufgebaut – und verloren. Grund zum Feiern werden viele nicht haben, trotz Schuldenerleichterungen. Denn das Land bleibt weiter unter Beobachtung Brüssels – bis 2066. So will die EU sicherstellen, dass Griechenland Kurs hält, die beschlossenen Reformen umgesetzt und die Ausgaben im Rahmen bleiben. das Land hat in den vergangenen drei Jahren eine Talsohle durchschritten. Von jetzt an geht es bergauf – wenn sich das Land an die Spielregeln hält.

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