Schulpsychologen haben an Eltern und Erziehende jedes Jahr zum Schuljahresabschluss die gleiche Bitte: Wenn die Kinder, ob klein oder groß, ob Grundschüler, Teenager oder angehende Prüflinge im Abschlussjahrgang, am letzten Schultag nach Hause kommen, sollten Eltern ihre Sprösslinge nicht als Erstes nach dem Zeugnis fragen. Wenn die Kinder nicht von selbst auf das Thema kommen, nicht stolz die Noten vorzeigen, nicht von allein Unmut über vermeintlich ungerechte schlechte Bewertungen äußern, sollten Eltern einfach erst einmal gar nicht groß nachfragen oder bestenfalls eine tröstende Bemerkung machen.

Liebe und Anerkennung hängen nicht von Noten ab

Und wenn die Versetzung schon gefährdet war, aber Kind und vielleicht auch Eltern zuvor versuchten, das drohende Unbill zu verdrängen und die Nichtversetzung nun amtlich besiegelt ist, dann ist es für alle Vorträge, Ermahnungen oder gar Drohungen ohnehin zu spät. Das Einzige, was dann noch erreicht werden kann, ist den häuslichen Frieden für die anstehenden Sommerferien – dringend benötigte Erholungszeit für Schüler und Eltern – zu gefährden und das Stimmungsthermometer beim Start in den Urlaub unter den Nullpunkt zu drücken. Wofür es aber nie zu spät ist: dem Kind das Gefühl zu geben, dass die Liebe, Anerkennung und Unterstützung des Elternhauses nicht von Noten abhängen.

Nein, das heißt nicht, dass schulische Leistung nichts wert ist. Für gute Noten, Fleiß und Ehrgeiz muss sich niemand schämen. Leistung zu bringen und Lernziele zu erfüllen, verdient Respekt und Anerkennung, die Kinder und Jugendlichen können zu Recht stolz darauf sein. Das macht sie aber nicht automatisch zu wertvolleren Menschen.

Kinder sollen und müssen in der Schule auch Lernen lernen

Dies zu vermitteln, wäre auch eine Aufgabe der Schule – die wie so vieles andere, das in den Bereich der „social skills“ fällt, aber auf der Strecke bleibt. Schlimm ist auch, dass für Kinder oft das Selbstbild davon abhängt, wie sie in der Schule benotet werden. Es gibt kein Fach, das Noten verteilt für soziale Kompetenz, Hilfsbereitschaft und den Einsatz im Verein.

Kinder sollen und müssen in der Schule auch Lernen lernen. Den einen fällt das leichter, sie können sich früher selbst organisieren; die anderen brauchen ein paar Jahre länger oder tun sich bis ans Ende ihrer Schullaufbahn schwer damit.

Womit Kinder aber überfordert sind: In ihrer Schullaufbahn das zu leisten, was die Eltern selbst versäumt haben, vielleicht nicht konnten oder durften. Die verpassten Chancen der eigenen Eltern wahrzunehmen, deren Träume und Hoffnungen auf einen anderen Lebensweg zu erfüllen, ist eine Aufgabe, an der die Kinder scheitern müssen. Und noch die wenigsten Kinder haben sich nach dem mahnenden Vortrag von Vater oder Mutter, wie gut es Kinder doch heutzutage haben und welche Chancen sich ihnen doch bieten, verständig und freiwillig sofort an den Schreibtisch gesetzt.

Kinder unter Druck

Viele Eltern, das wissen Schulsozialarbeiter und -psychologen, haben oft nicht einmal annähernd eine Vorstellung von den konkreten, fürchterlichen Versagensängsten ihrer Kinder, von dem Druck, den diese empfinden, wenn das Zeugnis nicht so ausfällt, wie es die Eltern erwarten oder gar einfordern. Es ist entsetzlich, dass sich jedes Jahr etliche Kinder und Jugendliche am Zeugnistag nicht nach Hause trauen.

Manche zerreißt die Angst vor den häuslichen Konsequenzen so sehr, dass sie ausreißen oder sich im schlimmsten Fall versuchen, etwas anzutun. Ob Grundschüler oder Teenager – vor diesen Ängsten ist nur geschützt, wer die Eltern sicher auf seiner Seite weiß, unabhängig davon, wie die Noten sind. Und wem es als Elternteil schwer fällt, ein vermeintlich schlechtes Zeugnis des Sprösslings hinzunehmen, dem hilft vielleicht der Gedanke daran, wie es um die eigenen Noten einst bestellt war – und welche Reaktion man sich damals von den eigenen Eltern erhofft hätte. In diesem Sinne: Schöne, entspannte Ferien!