Die beiden mögen sich. Der grüne Regierungschef und seine CDU-Kultusministerin sprechen stets mit größtem Respekt voneinander. Winfried Kretschmann ist seine Sympathie für Susanne Eisenmann selbst noch anzumerken, wenn er sich furchtbar über sie ärgert. So wie im Februar, als Eisenmann öffentlich mit der Forderung nach 10 000 neuen Lehrerstellen vorprescht, obwohl man sich just am Vorabend in grün-schwarzer Kabinettsrunde auf größte Haushaltsdisziplin geeinigt hatte – ein Affront. „Das darf nicht noch mal vorkommen“, knurrt der grüne Regierungschef vor der Landespresse. Und sieht dann doch aus wie der wohlwollende Vater, dessen Lieblingstochter mal wieder über die Stränge geschlagen hat.

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„Ja, wir schätzen uns sehr“, sagt Susanne Eisenmann. Aber dennoch will sie Kretschmann im Frühjahr 2021 – wenn er denn noch mal antritt – aus dem Amt jagen und die CDU zurück an die Macht bringen. „Unser Verhältnis ist von Respekt, Offenheit und Wertschätzung geprägt“, sagt sie. „Daran wird sich auch nichts ändern, wenn wir gegeneinander Wahlkampf machen. Ich sehe darin auch kein Hindernis, mich inhaltlich abzusetzen.“

„Unser Verhältnis ist von Respekt, Offenheit und Wertschätzung geprägt“: Susanne Eisenmann über Winfried Kretschmann.
„Unser Verhältnis ist von Respekt, Offenheit und Wertschätzung geprägt“: Susanne Eisenmann über Winfried Kretschmann. | Bild: Bernd Weissbrod, dpa

Susanne Eisenmann, im Umfeld „Nanni“ genannt, Jahrgang 1964, promovierte Germanistin, geboren und fest verwurzelt in Stuttgart, soll nach dem Willen ihrer Partei Ministerpräsidentin von Baden-Württemberg werden. Die erste Frau an der Spitze der noch immer konservativ und ländlich geprägten Südwest-CDU, als Großstädterin mit liberalen Ansichten, als Pragmatikerin, die schon mit Schwarz-Grün sympathisierte, als allein der Gedanke daran für weite Teile ihrer Partei noch so völlig absurd erschien wie der Machtverlust der CDU im Land oder gar ein grüner Ministerpräsident.

Strobl blieb nichts anderes übrig, als Eisenmann vorzuschlagen

Ende Juli soll ein CDU-Parteitag die 54-Jährige auf Vorschlag von CDU-Landeschef Thomas Strobl nominieren. Strobl blieb unter massivem Druck zur Gesichtswahrung kaum mehr übrig, als seine eigenen Ambitionen zu begraben und Eisenmann vorzuschlagen, um eine parteizerfleischende Mitgliederabstimmung zu verhindern. Ausgerechnet Susanne Eisenmann, mit der er seit JU-Zeiten befreundet ist und die er selbst 2016 aus dem Stuttgarter Rathaus gegen den Widerstand der CDU-Fraktion in die Landespolitik und ins Kultusministerium geholt hatte.

Stets hatte Eisenmann beteuert, niemals gegen Strobl anzutreten. Doch gegen Ende 2018, als die Rufe nach ihr lauter wurden, wurden ihre Dementis leiser, verstummten ganz – und kippten dann in den Entschluss, doch ihren Hut in den Ring zu werfen.

Zwischen Strobl und Eisenmann wurde es lauter

Und notfalls auch eine Entscheidung der Partei herbeizuführen – zwischen sich und Strobl. Zwischen den beiden soll es deshalb bei entscheidenden Gesprächen lautstark geworden sein. Das Ende eines langen gemeinsamen Weges? „Nein“, sagt Eisenmann. „Wir haben uns freundschaftlich geeinigt und arbeiten auf dieser Basis weiter zusammen. Wir sind uns einig, wir verstehen uns gut, die Basis ist da.“

Noch ist Eisenmann nicht nominiert, doch die politischen Gewichte in der CDU haben sich bereits verschoben. In atemberaubender Geschwindigkeit, sagt ein Mitglied der CDU-Landtagsfraktion, hätten sich die Lager neu sortiert. Schließlich ist es dann Eisenmann, die bei einem Wahlsieg Ämter vergibt. Mancher wittert Morgenluft, bringt sich in Stellung. „Das dauerte keine Tage, sondern nur Sekunden“, sagt der Abgeordnete. Eisenmann selbst sieht es so: „Die Ausrichtung von Partei und Fraktion geht stärker auf mich, aber das ist ein ganz normaler Prozess. Viele kommen auf mich zu und wollen sich abstimmen. Aber ich bleibe, wer und was ich bin.“

Eisenmann will an ihrer verbindlichen Ader arbeiten

Dazu gehört ihre Art, Dinge auszusprechen und anzugehen. Manche nennen sie „ruppig“ – eine Bezeichnung, von der sie sich „mäßig getroffen“, fühlt, wie sie sagt. „Es ist vielleicht für manche verstörend, dass ich Dinge deutlich ausspreche. Aber ich glaube, die Bürger können damit umgehen und schätzen Authentizität“, sagt sie und lässt einen typischen Satz folgen: „Diplomatie ist etwas für Sektempfänge. Aber ich arbeite an meiner verbindlichen Ader.“

Selbst bei der Bildungsgewerkschaft GEW, mit der Eisenmann – wie jeder ihrer Amtsvorgänger – im Dauerclinch über Unterrichtsausfall und Lehrerstellen liegt, wird das registriert. „Uns erreichen Rückmeldungen, dass sie mittlerweile deutlich gelassener mit Kritik umgeht“, sagt GEW-Geschäftsführer Matthias Schneider. Zumindest ihr offenes Ohr und die regelmäßigen Gesprächstermine finden Anerkennung bei der GEW; sie weiche kritischen Gesprächen nicht aus. „Aber wir warten noch auf den Nachweis, dass sie tatsächlich so durchsetzungsstark ist, wie immer gesagt wird“, sagt Schneider. „Sie stellt viele Fragen – aber wir erwarten auch Antworten.“

Sie ist seit 2016 im Amt: Als Kultusministerin ist Susanne Eisenmann der Austausch mit Lehrern vor Ort wichtig.
Sie ist seit 2016 im Amt: Als Kultusministerin ist Susanne Eisenmann der Austausch mit Lehrern vor Ort wichtig. | Bild: Sebastian Gollnow, dpa

In der Landtagsfraktion, die 2016 gegen Strobls Eisenmann-Berufung noch fast gemeutert hätte, hat sie längst Boden gutgemacht. „Sie bindet die Fraktion ein, sie hört zu, sie macht es gut“ ist immer wieder zu hören. Es klingt respektvoll. Auch von Fraktionschef Wolfgang Reinhart, dessen Dauerzwist mit Strobl für mehrere Eklats sorgte, ist vorerst nur Löbliches über die Spitzenkandidatin Eisenmann zu hören.

Aber Reinhart gilt als vorsichtiger Taktierer. Strobl selbst wird fortan mit jedem Wort an seiner Loyalität oder möglichen Differenzen zur Spitzenkandidatin gemessen werden. Gleiches gilt für Manuel Hagel, von Strobl berufener Generalsekretär der Landes-CDU, der sich zwar als Diener der Partei versteht, aber nie Zweifel daran ließ, dass für ihn dem Landesvorsitzenden das Zugriffsrecht auf die Spitzenkandidatur gebührt.

Auch in der Landesregierung müssen sich CDU und Grüne neu sortieren: Der bislang im Innenministerium als Staatssekretär angesiedelte Koordinator der CDU-Ministerien, Julian Würtenberger, hat gerade überraschend um die Versetzung in den einstweiligen Ruhestand gebeten. Die Koordination wird künftig bei Eisenmann angesiedelt, dem neuen Machtzentrum.

Bald muss es in der CDU um Inhalte gehen

Nach der Sommerpause sollen die Weichen gestellt werden. Dann wird es in der CDU auch zunehmend um Inhalte gehen müssen. Als Spitzenkandidatin, weiß Eisenmann, muss sie geschmeidiger werden, sich thematisch breiter aufstellen – denn noch weiß niemand so genau, wofür sie steht.

Ihr Mann Christoph Dahl, einst Regierungssprecher von Günther Oettinger und heute Chef der Baden-Württemberg-Stiftung, und Oettinger selbst sind wichtige Ansprechpartner für Eisenmann. „Mein Ehemann spielt eine sehr große Rolle für meine politische Arbeit. Er ist der zentrale Ratgeber für mich. Es wäre ja auch merkwürdig, wenn ich auf diese große Erfahrung nicht zurückgreifen würde“, sagt Eisenmann.

Ein wichtiger Ratgeber: Ihr Mann Christoph Dahl war Regierungssprecher von Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger.
Ein wichtiger Ratgeber: Ihr Mann Christoph Dahl war Regierungssprecher von Ex-Ministerpräsident Günther Oettinger. | Bild: Marijan Murat, dpa

„Und Günther Oettinger ist seit Jahrzehnten ein sehr enger persönlicher Freund von uns.“ Selbst bezeichnet sie sich als offen und neugierig. „Ich liebe den Umgang mit Menschen jeglichen Alters. Und ich habe große Freude daran, zu gestalten.“

Weniger bekannt ist, dass sie schon 20 Jahre vor ihrem Ehemann den Jagdschein machte, einst finanziert vom Patenonkel, um ihre „Bambi“-Sympathien und Aversionen gegen Jäger auf eine Sachbasis zu stellen, wie sie heute berichtet. Ihre Lektion fürs Leben daraus: „Kompetenz erwerben durch Bildung“, sagt sie.

Auf der Pirsch freilich war sie schon ewig nicht mehr. „Da müsste ich erst einmal wieder auf den Schießstand“, sagt sie. Aber bei Bedarf, so viel ist klar, kann Susanne Eisenmann scharf schießen. Und bei aller Sympathie: auch auf große grüne Platzhirsche.

Wer ist Susanne Eisenmann?

  • Politik: Seit 2016 ist Susanne Eisenmann CDU-Ministerin für Kultus, Jugend und Sport im Land. Von 2005 bis 2016 war sie Bürgermeisterin für Kultur, Schule und Sport in Stuttgart. 1991 wurde sie persönliche Referentin des damaligen Vorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion, Günther Oettinger. Bereits mit 16 trat sie der Jungen Union bei.
  • Privates: Die 54-jährige Stuttgarterin ist verheiratet mit dem Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung, Christoph Dahl. Dieser brachte fünf Kinder mit in die Ehe. Sie studierte Germanistik, Linguistik und Politikwissenschaften. Eisenmann ist gesellig, liest Krimis zur Entspannung und leidet mit dem VfB Stuttgart. (sk)