Keine Straße, kein Gebäude und keine Tafel im Berliner Regierungsviertel erinnern an ihn – im Gegensatz zu anderen Politikern der Weimarer Republik. Hermann Müller ist in Vergessenheit geraten. Dabei gäbe es gute Gründe, seiner zu gedenken. Er war SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzender, Außenminister und zwei Mal Reichskanzler. Vor allem aber war er der letzte Regierungschef, der an der Spitze einer Großen Koalition mit einer Mehrheit im Berliner Reichstag regierte. Nach ihm folgten nur noch vom Reichspräsidenten berufene Kabinette, die sich auf den Notverordnungsartikel 48 der Verfassung stützen mussten. Müllers Regierung zerbrach im März 1930 an einem Streit um die Erhöhung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung um einen halben Punkt. Im Rückblick eine Petitesse – aber mit weitreichenden Folgen.

Berlin ist nicht Weimar, 2018 nicht 1930, die aufgeheizte und gewalttätige Stimmung in der Endphase der Weimarer Republik ist trotz aller Krisensymptome und gesellschaftlichen Spannungen nicht mit der gegenwärtigen Lage zu vergleichen. Selbst wenn die Große Koalition am Streit um Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen zerbrechen sollte, was eher unwahrscheinlich ist, gäbe es eine deutliche Mehrheit der bürgerlichen Parteien im Parlament. Und doch sollte das Scheitern der Regierung Müller eine Mahnung sein, welch gravierende Folgen ein Streit um Kleinigkeiten haben kann, erst recht wie verletzlich und anfällig die Demokratie ist, wenn die beiden großen, den Staat tragenden und stabilisierenden Parteien ihrer Regierungsverantwortung nicht gerecht werden.

Wenn die Relationen nicht mehr stimmen, wenn das Kleine plötzlich groß und das Große klein wird, wenn das Unwichtige das Wichtige verdrängt, dann droht das Ganze aus dem Lot zu geraten. Der Streit um die Äußerungen von Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen ist im Grunde zu unbedeutend, um überhaupt zu einem Thema für die Parteichefs zu werden, im Normalfall entscheidet der Dienstherr, also der Innenminister, ob der Amtschef noch tragbar ist oder nicht. Doch ziemlich genau ein Jahr nach der Bundestagswahl haben die drei Koalitionsparteien noch immer keine tragfähige Basis gefunden, das gegenseitige Misstrauen ist groß, fundamentale Konflikte wie der um die Migrationspolitik zwischen CDU und CSU sind nicht beigelegt, sondern brechen immer wieder aufs Neue aus und schaukeln sich hoch. Und die SPD ist allenfalls mit halbem Herzen in der Koalition, fast wirkt es, als suche sie nur noch den Grund für den Absprung. Dabei wäre dies angesichts ihrer desolaten Lage Selbstmord aus Angst vor dem Tod.

Die Autorität von Merkel schwindet

Hinzu gesellt sich eine eklatante Führungsschwäche in allen drei Regierungsparteien. Die Autorität von Angela Merkel und Horst Seehofer schwindet rapide dahin, in Berlin wie München ist die Sehnsucht nach einem personellen Neuanfang an der Spitze in absehbarer Zeit mit den Händen zu greifen. Umgekehrt steht Andrea Nahles für eben diesen Neuanfang in der SPD, kann sich aber auch nicht sicher sein, wie geschlossen ihre Partei hinter ihr steht. Es war jedenfalls schon auffällig, wie schnell die SPD die Entlassung Maaßens forderte, von der zuvor keine Rede war, nachdem Juso-Chef Kevin Kühnert sogar den Bruch der Koalition nicht ausschließen wollte – fast im Alleingang sorgte Kühnert damit für den Kurswechsel seiner Partei.

Gerade weil ihre Schwäche offensichtlich ist, müssen Merkel, Seehofer und Nahles Stärke demonstrieren – und machen damit alles nur noch schlimmer. Die Causa Maaßen erhält eine Bedeutung, die sie nicht hat, gleichzeitig wird es immer schwerer, eine Lösung zu finden, die niemanden beschädigt. Am morgigen Dienstag treffen sie sich erneut im Kanzleramt. Sie sollten dabei kurz an Hermann Müller denken. Es würde nicht schaden, um zu erkennen, welche Sprengkraft auch Unwichtiges haben kann.