Stille. Nach Bekanntgabe der ersten Prognosen regt sich im Willy-Brandt-Haus nicht einmal Enttäuschung oder Zorn. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hat ein weiteres Wahlfiasko erlebt. Sie liegt in Trümmern. Bei der Europawahl haben die Grünen die Genossen erstmals bei einer bundesweiten Abstimmung auf den dritten Platz verwiesen. Im linken Lager ist die SPD nach 150 Jahren nur noch die Nummer 2. Selbst im Stammland Bremen hat es nicht mehr gereicht.

Der CDU ist das geglückt, was ihr noch nie geglückt war: Sie ist den Hochrechnungen zufolge an der SPD vorbeigezogen. Vielleicht kann sich die Partei in eine rot-rot-grüne Koalition retten. Aber das liegt nicht in ihren Händen. Die Grünen als Wahlgewinner haben die freie Auswahl, wen sie zum König machen. Schlechter hätte es für die traditionsreichste Partei des Landes nicht laufen können.

„Kopf hoch, SPD“

Sofort steht Parteichefin Andrea Nahles wieder im Feuer. Beim obligatorischen Auftritt vor den Anhängern gelingt es ihr immerhin, anders als bei den Niederlagen zuvor, die Fassung zu bewahren. „Ich sage Kopf hoch, SPD“, rief sie den Genossen zu. Und an die Grünen gerichtet: „Wir nehmen die Herausforderung an.“

Andrea Nahles (SPD), Parteivorsitzende, äußert sich auf einer Pressekonferenz der SPD zum Ergebnis der Europawahl.
Andrea Nahles (SPD), Parteivorsitzende, äußert sich auf einer Pressekonferenz der SPD zum Ergebnis der Europawahl. | Bild: Wolfgang Kumm

Die Herausforderung für die 48-Jährige liegt aber zunächst im eigenen Lager. Sie wird von ihrem Vorgänger Martin Schulz attackiert, der 2017 die Bundestagswahl vor die Wand gefahren hatte. Schulz will ihr den Fraktionsvorsitz abjagen, wie mehrere Abgeordnete bestätigen. Im Herbst muss sie sich dem Votum der Abgeordneten stellen. Schulz hat nichts zu verlieren. Entweder ihm gelingt die Rache an Nahles oder er geht in den Ruhestand.

Was es allerdings der SPD bringen soll, die Vorsitzende abzuschießen, bleibt sein Geheimnis. Bisher hat Schulz keine Mehrheit in der Fraktion hinter sich. Unterstützung bekommt der frühere Präsident des EU-Parlaments immerhin von seinem ehemaligen Freund Sigmar Gabriel. Der Niedersache und Schulz verkrachten sich nach dem Einbruch bei der Bundestagswahl. Nun eint die beiden Ex-Parteichefs der Hass auf die Amtierende.

SPD kann nicht mit Themen punkten

Ohne Frage hat Nahles schwere Fehler gemacht. Die Neuausrichtung der Partei dauert zu lange. Zu ihrem Unglück hat die Parteispitze trotz all der Diskussionen und Debattencamps das Megathema schlichtweg verschlafen – den Klimaschutz. Die SPD stellt mit Svenja Schulze zwar die Umweltministerin, kann aber nicht punkten. Die soziale Frage als Kernbestand der Partei mobilisiert so wenig wie bei der Bundestagswahl. Im Wahlkampf für die Europawahl hat Nahles auf das falsche Pferd gesetzt. Spitzenkandidatin Katarina Barley blieb blass. Bei der Kommunikation mit den jungen Wählern über die neuen Online-Medien agieren die Sozialdemokraten ähnlich unbeholfen wie die CDU. Generalsekretär Lars Klingbeil hat sich als Netzpolitiker einen Namen gemacht, bringt aber sein Können nicht zur Geltung.

Katarina Barley, die Spitzenkandidatin der SPD, konnte weniger Wähler als erhofft mitreißen.
Katarina Barley, die Spitzenkandidatin der SPD, konnte weniger Wähler als erhofft mitreißen. | Bild: Wolfgang Kumm

Nahles steht sich selbst im Weg

Das große Defizit der angeschlagenen Parteichefin ist aber ihre Persönlichkeit. Regelmäßig sorgt sie für peinliche Fauxpas. Mal kündigt sie verunglückt ironisch an, CDU und CSU „auf die Fresse“ zu geben. Sie bemüht Pippi-Langstrumpf-Reime oder schreit im Wahlkampf „rot, rot, rot“. Ihre Beliebtheitswerte sind katastrophal. Für viele Wähler ist Andrea Nahles schlichtweg unwählbar. Sie hat mehrfach versucht, sich zu mäßigen. Allein gelungen ist es ihr nicht und sie will es auch nicht mehr. Die große Tristesse der SPD ist es, dass sie kaum Alternativen hat.