Der schönste Posten in der Bundesregierung ist das Amt des Außenministers. Wer es bekleidet, reist mit großem Tross um die Welt, geht dem Parteienstreit im eigenen Land aus dem Weg und schildert dem Fernsehpublikum allabendlich seinen Beitrag zum Weltfrieden. Kein Wunder, dass Außenminister bei der Frage nach Deutschlands beliebtesten Politikern regelmäßig an der Spitze der Skala stehen. Hans-Dietrich Genscher zehrte fast zwei Jahrzehnte von diesem Bonus. Joschka Fischer gelang als Herr des Auswärtigen Amtes ein nahezu vollständiger Imagewandel. Selbst bei Sigmar Gabriel funktionierte der Mechanismus. Als SPD-Chef ungelitten und geradezu verhasst, wurde er als Außenminister fast über Nacht zum Liebling der Nation. Was für ein wunderbares und wundersames Amt.

So dachte es sich vermutlich auch Martin Schulz, nachdem er Kanzlerkandidatur und SPD-Vorsitz vergeigt hatte. Der Mann aus Würselen hat hoch gepokert und am Ende alles verloren. Eine so steile Talfahrt haben in Deutschland nur wenige Politiker vorzuweisen. Vor einem Jahr noch zur Kanzlerhoffnung ausgerufen, gefeiert wie ein Messias, mit 100 Prozent zum SPD-Vorsitzenden gewählt. Und jetzt: gescheitert, verrechnet, verzockt. Der dreiste Griff nach dem Außenministerium war sein finaler Fehler. Zurück bleibt eine ratlose, demoralisierte Partei. Was für ein Desaster.

So erschütternd dieses Ende auch ist: Es war allerhöchste Zeit. Schulz zog mit seinem Glaubwürdigkeitsverlust nicht nur seine Partei in die Tiefe, sondern gefährdete zudem die angepeilte große Koalition. Sein Machtkampf mit Gabriel bestätigte alle, die in der SPD Nein zum Regierungsbündnis mit der Union sagen. In deren Ohren tönt ein altbekanntes Lied: Kaum ist die Tinte unter dem Koalitionsvertrag trocken, interessieren Sachfragen nicht mehr, und der Kampf um Posten und Personen beginnt. Das Ego ist wichtiger als die Bürgerversicherung. Selbst dem größten Schulz-Anhänger machten die vergangenen Tage klar: Der Mann muss weg, oder der Mitgliederentscheid über die große Koalition geht schief.

Häme darüber ist nicht angebracht, ein kritischer Blick auf die Ursachen dieser Tragödie hingegen schon. Schulz zahlt einen hohen Preis dafür, dass er den besten Zeitpunkt seines Rückzugs verpasst hat und nicht schon am Wahlabend in allen Ehren das Feld räumte. Stattdessen reihte er Fehler an Fehler, Patzer an Patzer, Kehrtwende an Kehrtwende. Endgültig das Genick gebrochen hat ihm die Abrechnung von Parteifreund Gabriel. Die Schrammen an seiner Glaubwürdigkeit hätte Schulz vielleicht überstanden, nicht aber den Totalschaden, den die Kollision mit Gabriel anrichtete. Wer sich auf offener Bühne sagen lassen muss, dass auf sein Wort nicht Verlass ist, kann als Politiker einpacken. Jetzt zieht die SPD die Konsequenz. Spät genug.

Gelöst sind die Probleme damit noch lange nicht. Was in dieser Partei schiefläuft, ist nicht nur die Schuld eines an Selbstüberschätzung leidenden Vorsitzenden, sondern die Folge eines kollektiven Führungsversagens. Das Ausmaß ist erschreckend. Über Monate hinweg machten die Genossen dem Mann an der Spitze und sich selbst etwas vor. Tragisch war, dass das Wahldesaster vom 24. September dem Selbstbetrug kein Ende setzte. Schulz schloss eine große Koalition mehrfach aus. Der Vorstand folgte. Schulz verkündete, er werde einem Kabinett Merkel niemals angehören, überlegte es sich dann aber anders. Niemand in der Führungsetage widersprach – bis auf Gabriel. Er intervenierte, als es um sein eigenes Amt ging.

Bezeichnenderweise waren es die Landesverbände, die nun die Reißleine gezogen haben und dem Möchtegern-Außenminister ein Ultimatum setzten. Sie sind näher am Wähler als die Parteistrategen im Berliner Willy-Brandt-Haus. Zurück bleiben nur Beschädigte: der einstige Hoffnungsträger ist abserviert, die SPD-Spitze gibt sich der Lächerlichkeit preis, Parteilinke und Jusos rebellieren. Mehr denn je sucht die SPD nach ihrer Identität. Auch die Kanzlerin hat allen Grund zur Sorge. Ob die SPD-Mitglieder in dieser Stimmung dem Koalitionsvertrag zustimmen, ist ungewisser denn je. Sagt die Basis Nein, kann Merkel die erhoffte Wiederwahl abhaken. Dann läuft es wohl oder übel auf Neuwahlen hinaus.

Für die SPD wäre dies der nächste Schritt auf dem Weg zur Selbstzerstörung. Für den Tag X hat sie keinen Plan. Andrea Nahles beerbt Schulz als Vorsitzenden. Aber kann sie Kanzlerkandidat? In ihrer Partei ist die neue Chefgenossin beliebt, nicht aber außerhalb. Bei Olaf Scholz ist es umgekehrt. Und Sigmar Gabriel? Wenn er klug ist, kennt er seine Grenzen und hält sich fern. Die SPD wird weiter gebraucht in dieser Republik. Doch als maßgebliche Kraft überlebt sie nur, wenn sie sich selbst wiederfindet. Es liegt an ihr selbst.