Im Westen Deutschlands und vor allem in Großstädten haben die Grünen bei den Europa- und Kommunalwahlen historische Erfolge gefeiert. Mit zweistelligen Zuwachsraten zog die Partei vielerorts an der SPD und zum Teil an der Union vorbei.

  • Was hat die Grünen nach oben getragen? Vor allem das Klimaschutz-Thema. Dieses wurde bei der Europawahl von 48 Prozent der Wähler als das wichtigste erachtet. Und es wird vor allem mit der Partei verbunden, die den Umweltschutz quasi im Namen trägt. Es gab Zeiten, in denen diese Verengung auf ein Thema die Grünen genervt hat. Diesmal hat das Öko-Image dazu beigetragen, dass die Wähler die Grünen über die 20-Prozent-Marke katapultiert haben.
  • Ist die Zeit reif für einen grünen Kanzler oder eine grüne Kanzlerin? Ganz abwegig ist der Gedanke nicht. Das grüne Spitzenpersonal spricht breite Wählerschichten an. Im ZDF-Politbarometer rangiert Parteivorsitzender Robert Habeck regelmäßig auf dem ersten oder zweiten Platz. Und die Grünen haben die SPD von Platz zwei verdrängt – allerdings nur bei diesen Wahlen. Bei der Bundestagswahl vor gerade einmal 20 Monaten sah das noch ganz anders aus. Da wurden die Grünen sechststärkste Kraft mit 8,9 Prozent. Der Freiburger Politologe Ulrich Eith winkt ab: „Eine grüne Kanzlerschaft sehe ich noch lange nicht“, sagt er im SÜDKURIER-Interview. Er erwartet allerdings interessante Debatten bei den Grünen, ob und wie sie mit einer Kandidatur vor der nächsten Bundestagswahl umgehen werden. „Sollten sie in den Umfragen weiterhin vor der SPD liegen, kommen sie um eine Kanzlerkandidatur nicht herum“, sagt Eith.
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  • Was sagt das grüne Spitzenpersonal? Das gibt sich bescheiden. Parteivorsitzender Habeck und EU-Spitzenkandidat Sven Giegold haben vor allem eine Erklärung für ihr historisches Wahlergebnis parat: „Der Klimaschutz wurde gewählt.“ Das Thema Kanzlerkandidatur umschifft Habeck lieber: „Wir haben keinen spekulativen Auftrag, der uns nur desorientiert.“ Auch Volkspartei will man nicht sein, Habeck erklärt das Konzept für überholt. Stattdessen haben die Grünen den Begriff „Bündnispartei“ für sich erfunden, die viele verschiedene gesellschaftliche Strömungen vereinen soll.
  • Was ist für die Zukunft zu erwarten? Die Chancen, dass die Grünen die Vorherrschaft der traditionellen Volksparteien brechen, stehen gar nicht schlecht. Denn die Grünen sind bei den jungen Wählern die mit großem Abstand erfolgreichste Partei. Bei den unter 30-Jährigen kommen sie auf so viele Wähler wie Union, SPD und FDP zusammen. Und auch bei den unter 60-Jährigen lassen sie Union und SPD ziemlich alt aussehen.
  • Wieso können die Grünen im Osten nicht punkten? Deutschland zeigt sich bei den Europawahlergebnissen geteilt: Während sich die AfD nach den Worten des Dresdner Politikwissenschaftlers Hans Vorländer im Osten, besonders in Sachsen, festgesetzt hat in der Mitte der Gesellschaft, kamen die Grünen dort wohl nie so richtig an. Vielen Ostdeutschen gelten sie als elitäre, reiche Westpartei, auch wenn der Bündnis-90-Teil ihres Erbes und ein Teil des Spitzenpersonals aus dem Osten stammt.
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