Sie lächelt und in ihren Augen liegt eine tiefe Zufriedenheit. Vier Mädchen stehen vor ihr, sie blicken ein wenig unsicher in die Kamera, die sie da gerade fotografiert. Sie tragen bunte Kleidung und Kopftücher, im Hintergrund sind noch ein paar Schneereste zu sehen. Das Bild muss im beginnenden Frühjahr entstanden sein, wenn auch in Afghanistan die Tage wieder milder werden. Genau lässt sich das Datum nicht mehr benennen, Hunderte Fotos kleben in den Alben, aus denen es entnommen ist. Es zeigt eine Frau, die ihr Leben einem Land und dessen Menschen gewidmet haben: Brigitte Weiler, Krankenschwester und Entwicklungshelferin.

Als junge Frau war sie zum ersten Mal in der wilden Region am Hindukusch, nun ist sie dort gestorben. Weiler war jene Deutsche, die beim Terroranschlag Ende Januar auf das Hotel Intercontinental ums Leben gekommen ist. Sechs Kämpfer der Taliban haben am 20. Januar in einer 17-stündigen Attacke das große Hotel in der afghanischen Hauptstadt angegriffen und mindestens 20 Menschen getötet – darunter die 65-Jährige aus dem kleinen Oberjesingen bei Herrenberg (Kreis Böblingen). „Ich habe an jenem Samstag morgens um halb zehn noch mit ihr telefoniert“, erzählt Astrid Dickreiter, die Schwester der Toten. Am Montag darauf stand um halb neun die Polizei vor ihrem Haus in Immenstaad am Bodensee und überbrachte ihr die Todesnachricht. Das Auswärtige Amt meldete sich kurz darauf telefonisch.

Was im Intercontinental an diesem blutigen Wochenende geschah, muss sich Astrid Dickreiter zusammenreimen. Das letzte Telefonat, das ihre Schwester führte, war mit ihrem Leibwächter. Ihm berichtete sie, dass sie in den Speisesaal gehen wollte. Ausgerechnet dort eröffneten die Terroristen das Feuer. Wie sie in das gut bewachte Hotel gelangen konnten, bleibt rätselhaft. Die Anlage ist streng bewacht, Besucher müssen mehrere Sicherheitschecks passieren. Es heißt, die Männer seien durch einen Hintereingang in den Speisesaal gelangt, später dann von Zimmer zu Zimmer gestürmt, um gezielt nach Ausländern zu suchen und sie zu erschießen.

Links: Ein Polizist bewacht das Hotel Intercontinental in Kabul. An der Fassade sind noch Rußspuren vom Angriff zu sehen. <em>Bild: AFP</em>
Links: Ein Polizist bewacht das Hotel Intercontinental in Kabul. An der Fassade sind noch Rußspuren vom Angriff zu sehen. Bild: AFP

Erst eine Woche vor dem Angriff soll das Wachpersonal gewechselt haben, ein privater Sicherheitsdienst habe übernommen. Waren die Sicherheitsleute bestochen worden? Flohen sie aus Angst um das eigene Leben? Es bleiben nichts als Vermutungen. Das gilt auch für die Todesursache. Weilers Leibwächter fand ihren Leichnam in einem Krankenhaus, berichtete von einem Kopfschuss. Die Leiche wurde schließlich ins Bundeswehrcamp nach Masar-i-Scharif im Norden des Landes gebracht, später mit einer Bundeswehrmaschine nach Leipzig transportiert. An diesem Montag kann Astrid Dickreiter ihre Schwester in Oberjesingen zu Grabe tragen.

Weiler hat Afghanistan zum ersten Mal während der sowjetischen Besatzungszeit besucht. Es heißt, sie habe die afghanischen Widerstandskämpfer medizinisch versorgt und manchmal auf dem Rücken von der Frontlinie getragen. Später gründete sie selbst eine kleine Hilfsorganisation – Cabilla. „Meine Schwester hat die Freiheit gebraucht“, erzählt Dickreiter. Lange an einem Ort hat sie es nie gehalten. Sie fuhr als Schiffsoffizierin mit Containerschiffen um die ganze Welt, arbeitete als Krankenschwester in Kliniken in England und Tübingen. Nur nach Afghanistan zog sie es immer wieder. Mindestens einmal im Jahr flog sie in das Land.

Acht Fotoalben mit Erinnerungen liegen in Weilers Haus, Dutzende Beiträge über das Land hat sie in einem Internet-Blog verfasst. Der letzte stammt vom März 2017. „In diesem Jahr hatten wir fast doppelt so viele Spenden wie 2016 für unsere Hilfe bekommen – herzlichen Dank für Ihre Unterstützung“, schrieb sie. „Da in Afghanistan ein kalter, schneereicher Winter herrschte, mussten wir mit zwei Allradfahrzeugen und Schneeketten fahren, damit wir alle Waren in die Berge bringen konnten. Zehn Witwen bekamen je 80 Meter Stoff und eine Nähmaschine. Sie kamen uns mit Eseln entgegen, weil es weit oben keine Straßen mehr gibt.“ Die Waren kaufte sie meist auf afghanischen Märkten, flog mit Bargeld in der Tasche. Angst zeigte sie keine, ließ sich aber von einem Leibwächter schützen und einem Fahrer transportieren. Dass sie die Landessprache Paschtu beherrschte, gab ihr eine gewisse Sicherheit. Wer weiter in ihrem Internet-Tagebuch liest, der erkennt aber: Brigitte Weiler war sich der Gefahr bewusst: „In den ersten Wochen unseres Besuchs blieb es friedlich.

Die Taliban können bei Regen und Schnee keine Anschläge mit Fernzündung verüben, weil es bei diesem Wetter zum Kurzschluss kommt. Als das Wetter besser wurde, gab es eine schwere Explosion mit 100 Verletzten und 25 Toten – und wir waren nur 100 Meter davon entfernt. Am Tag meines Abflugs gab es dann noch einen schweren Anschlag mit 60 Toten und 110 Verletzten, sodass meine Leibwächter froh waren, als sie mich heil zum Flughafen gebracht hatten.“

Inzwischen ist es überaus leicht, am Hindukusch in kritische Situationen zu geraten. 2017 waren bei mehr als 20 schweren Anschlägen mehr als 500 Menschen getötet worden. Auch in Kabul hat die Zahl der Anschläge zuletzt stark zugenommen. Die Hauptstadt gilt inzwischen als einer der gefährlichsten Orte für Zivilisten in Afghanistan. Auch die deutsche Botschaft hier wurde im vergangenen Jahr Ziel eines Anschlags. Die Arbeiten zum Wiederaufbau dauern an. Ein Hochsicherheitsgebäude in Kabul zu bauen, ist ein logistisches Kunststück mit vielen Unwägbarkeiten. Bis auf Weiteres müssen der Botschafter und eine Handvoll verbliebener Mitarbeiter von der US-Botschaft aus agieren. Das Rumpfteam ist unter anderem damit befasst, ein neues Lagebild zu erstellen.

Auch in Masar-i-Scharif, dem Ort, von wo aus Brigitte Weilers Leichnam nach Deutschland überführt wurde, wird gerade eine neue diplomatische Vertretung gebaut, ungewöhnlicherweise auf dem Gelände des Bundeswehrcamps. Diplomaten mögen so etwas eigentlich gar nicht. Ursprünglich war das Generalkonsulat mitten in der Stadt. Es galt als Symbol für den Übergang von militärischer zu ziviler Hilfe in Afghanistan. Dann wurde auch dieses Gebäude 2016 Ziel eines Anschlags und man begab sich in die Obhut der Nato-Truppen. Eine bittere Kapitulation vor der Realität Afghanistans.

Dabei war Afghanistan zwischenzeitlich in Deutschland fast schon in Vergessenheit geraten. Doch der Einsatz ist nach wie vor der größte und verlustreichste Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr. 56 Soldaten kamen dabei ums Leben. Hoffnung auf ein schnelles Ende gibt es nicht – im Gegenteil. Die afghanische Armee bekommt die Lage nicht alleine in den Griff. Die USA wollen die Truppen deshalb wieder aufstocken – ein Rückzug vom Rückzug. Knapp 1000 deutsche Soldaten sind noch da. Allerdings kämpfen sie nicht mehr, sondern beraten, bilden aus, verwalten. Einst waren zu Zeiten des offensiven Kampfs gegen die Taliban mehr als 5000 deutsche Soldaten dort.