Sie will anders sein als die Traditionsparteien, eine Alternative eben. Doch die Alternative für Deutschland (AfD) hat seit Monaten mehr mit sich selbst zu tun, als der vergleichsweise jungen Partei guttut. Vom einstigen Saubermann-Image der Partei ist kaum noch etwas übrig. Die Spendenskandale um Parteichef Jörg Meuthen und Guido Reil, der wie Meuthen für die Partei ins Europaparlament einzieht, werden abgetan – als Missverständnis, als Spenden, von denen man nicht gewusst haben will.

Die Akte Weidel

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Südwesten, wo die Staatsanwaltschaft Konstanz nach wie vor im Fall Alice Weidel ermittelt. Die Fraktionsvorsitzende ist sich ebenfalls keiner Schuld bewusst. Man wolle ihr nur etwas anhängen – von Männern, die sie um ihren Job beneiden. Die nun offen entbrannte Schlammschlacht im Landesverband ist bezeichnend.

Eskapaden ohne Ende

Beim Landesparteitag ging es mehr um die möglichen erotischen Eskapaden der Landesgeschäftsführerin als deren Arbeit. Anastasija Koren soll weg – sie wird der Schar um Co-Sprecher Dirk Spaniel, Schatzmeister Frank Kral und Ex-AfDler und Landesvorstandsmitglied Sven Kortmann zu lästig. Denn Kral hängt in der Spendenaffäre um Alice Weidel mit drin, auch wenn er jede Schuld von sich weist. Dass er ein Interesse daran hatte, Weidel abzusägen, liegt aber auf der Hand. Kral hatte ihretwegen seinen Posten in der Bundestagsfraktion verloren.

Der frühere Landesvorsitzende Ralf Özkara, inzwischen ebenfalls aus der Partei ausgetreten, hatte ebenfalls ein Hühnchen mit Weidel zu rupfen. Inmitten dieser Machtspielchen ist nun auch Koren geraten. Sie will, dass die Spendenaffäre vom Bodensee aufgeklärt wird. Kral wiederum soll Kontoauszüge bewusst der Presse zugespielt haben. Spaniel soll sich seinerseits Krals Gefolgschaft gesichert haben, um gegen Koren und Weidel vorgehen zu können. Korens Lebensgefährte Martin Hess ist Spaniels größter Widersacher. Spaniel spekuliert auf Bundesvorstand und Fraktionsvorsitz. Kral könnte damit seiner alten Gegenspielerin eins auswischen und am Ende doch nach Berlin zurückkehren, wenn er unbeschadet aus der Spendenaffäre kommt.

Sie brauchen jetzt einen Mediator

Nach sechs Jahren steht die AfD im Südwesten vor einem Scherbenhaufen. Die Fraktionsvizechefs sind zurückgetreten, weil sie Fraktionschef Bernd Gögel stürzen wollen. Der sechste Landesvorstand amtiert, ein Mediator soll Runde Sieben bestücken. Gönner mögen sagen, die AfD durchlaufe eben den inneren Reinigungsprozess einer jungen Partei.

Doch die Alternative kann sich nicht mehr auf der Ahnungslosigkeit eines Teenagers berufen. Sie ist größte Oppositionspartei im Bundestag, ist in allen 16 Landtagen vertreten. Bei der Europawahl war sie weniger erfolgreich als erwartet. Sind die Wähler nachdenklich geworden, ob diese Partei wirklich so viel besser ist als andere?

Erst Lucke, dann Petry

Die mangelnde Abgrenzung zum rechten Rand, die späten Reaktionen auf die verbalen Eskapaden von Wolfgang Gedeon, ebenfalls ausgetreten, und Stefan Räpple, der von der Polizei aus dem Landtag hinausbegleitet werden musste – das fällt der Partei auf die Füße. Was mit dem Weggang von Parteigründer Bernd Lucke und der früheren Bundesvorsitzenden Frauke Petry begann, waren keine Startschwierigkeiten, sondern sind Programm einer Partei, die sich in Kungeleien und Machtkämpfen derart verstrickt hat, dass sie darüber stürzen kann.

Was ist Klimawandel?

Der Kampf rührt auch daher, dass die Partei nun nicht mehr darauf bauen kann, gegen etwas zu sein. Sie muss ein Programm bieten und kann es nicht. Die Verkennung des Klimawandels, der Austritt aus der EU als letzte Option, während Deutschland als Exportland massiv vom Binnenmarkt profitiert, all das kommt nicht allzu gut bei der potenziellen Wählerschaft an. Eine Schlammschlacht lenkt die Aufmerksamkeit auf andere Dinge – darüber hinwegtäuschen, dass es der Partei an Format fehlt, kann sie aber nicht.