Die Abstimmung war mühselig, das Ergebnis ist knapp, die roten Fahnen werden wieder eingerollt. Wie ein Hund, der zum Jagen getragen werden muss, lässt sich die SPD auf Koalitionsverhandlungen mit der Union ein. Die Kanzlerin wird der Führungsriege einer heillos zerrissenen Partei gegenübersitzen. Chefgenosse Schulz, zerzauster denn je, kann vorerst zwar weitermachen. Doch sein Vorschuss in den eigenen Reihen ist restlos aufgebraucht. Erweckt der SPD-Vorsitzende noch einmal den Eindruck, er lasse sich von der Union über den Tisch ziehen, ist sein Rückhalt endgültig dahin.

Deshalb ist dieses Drama noch keineswegs zu Ende. Ein Verhandlungsmandat erhielt die SPD-Spitze nur, weil sie den Delegierten Versprechungen machte, die an die Grenze des Realistischen gehen. "Wir werden verhandeln, bis es quietscht auf der anderen Seite“, versprach Fraktionschefin Andrea Nahles. Warum erst jetzt und nicht schon in den Sondierungen? Welches Projekt mit Symbolkraft will die SPD jetzt noch durchsetzen? Die Bürgerversicherung etwa? Oder das Ende der Obergrenze für Flüchtlinge? CDU und CSU haben dies bisher abgelehnt und sie werden zweifellos bei ihrer Haltung bleiben.

In die Gespräche mit der Union gehen Schulz, Nahles und der Rest der SPD-Spitze somit mit einem riesigen Rucksack voller falscher Erwartungen. Einen generellen Kurswechsel kann eine derart geschwächte SPD nicht mehr erzwingen, sondern allenfalls das eine oder andere Geschenk für die eigene Wählerklientel. Merkel wird zu manchem Ja sagen müssen, so wie in den vergangenen vier Jahren auch. Auch sie ist in einer unbequemen Lage. Zeigt sich die Kanzlerin der SPD gegenüber zu nachgiebig, riskiert sie einen Aufstand in den eigenen Reihen, vor allem aber in der CSU, auf die im Herbst eine schwierige Landtagswahl wartet.

Geizt Merkel hingegen mit Zugeständnissen, ermuntert sie die Groko-Gegner in der SPD. Nach der Zitterpartie von Bonn lauern diese auf ihre Chance beim Mitgliederentscheid, wenn die SPD-Basis nach Ende der Verhandlungen über das Ergebnis abstimmt. Sowohl Schulz wie auch Merkel haben allen Grund, diesen Tag zu fürchten. Eine Hürde ist genommen, die nächste wartet schon. Auch wenn sich in In- und Ausland vielerorts Erleichterung breit macht: Politische Stabilität sieht anders aus, eine stabile Koalition erst recht.