Als auch der Pilot die Gangway herunterkommt, kämpft der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Tränen. Es ist sein großer Augenblick, am Rollfeld des Kiewer Flughafens Boryspil. Ein feierlicher Moment für sein Land, dem er bei seiner Wahl im April versprochen hatte, Gefangene freizubekommen.

Vor allem die 22 Marinesoldaten und zwei Geheimdienstmitarbeiter, die im vergangenen November vor der von Russland annektierten ukrainischen Halbinsel Krim wegen Grenzverletzung von Russland festgesetzt worden waren.

Symbolträchtige Rückkehr

Symbolträchtiger ist die Rückkehr von Filmregisseur Oleg Senzow, der in einem fragwürdigen Verfahren zu 20 Jahren schwerer Lagerhaft verurteilt worden war und in einem Straflager am Polarkreis eingesessen hatte.

Zusammen mit dem ebenfalls freigekommenen Alexander Koltschenko war der heute 43-Jährige des Terrorismus bezichtigt worden. Vier Monate hatte er gehungert, Kulturschaffende aus der ganzen Welt hatten sich für Senzow eingesetzt.

Emotionaler Empfang

Insgesamt 35 von Russland freigelassene Gefangene waren in Kiew nach und nach aus dem Flieger gekommen, Selenskyj hatte jedem die Hand gegeben, fast alle umarmt. Die Kinder waren zu ihren Vätern gerannt, die sie teils fünf Jahre lang nicht gesehen hatten, minutenlang hatten die Männer ihre Frauen, Töchter, Mütter im Arm gehalten, umringt von Journalisten. Die emotionalen Augenblicke dieses Tages übertrugen ukrainische Fernsehsender live.

Unterkühlte Stimmung in Moskau

Derweil war am Moskauer Flughafen Wnukowo ein Flugzeug aus Kiew gelandet. 35 aus der Ukraine freigelassene Gefangene waren an Bord. Das Empfangskomitee fiel hier nüchterner aus.

Die Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa begrüßte die Freigelassenen, der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, man freue sich, dass russische Bürger heimgekehrt seien.

Umstrittener Kommandant unter Freigelassenen

Das größte Interesse galt in Moskau Kirill Wyschinski, dem früheren Leiter des Ukraine-Büros der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria. Er war vor einem Jahr wegen angeblichen Staatsverrats von den Ukrainern festgenommen worden. Brisant war vor allem die Überstellung von Wladimir Zemach.

Mit der Freilassung Zemachs ging der ukrainische Präsident einen durchaus schweren Kompromiss ein. Der einstige Luftabwehr-Kommandant der Aufständischen im Donbass gilt als wichtiger Zeuge, wenn nicht gar als Verdächtiger für den Abschuss der malaysischen Passagiermaschine MH-17 in der Ostukraine im Sommer 2014.

Vor seiner Freilassung hatten niederländische Ermittler, wie es von europäischen Vertretern gefordert worden war, Zemach noch befragen können.

Symbolträchtiger Schritt in der Krise

Der Austausch ist ein symbolträchtiger wie politischer Schritt im schwer zerrütteten Verhältnis zwischen den beiden Nachbarn. Selenskyj zeigt damit, dass er tatsächlich etwas bewirken kann.

Russland dagegen sucht nach Wegen, um aus der politischen Isolation herauszukommen. Es kommt Bewegung in den russisch-ukrainischen Konflikt.

Im September soll es ein Gipfeltreffen im Normandie-Format geben, bei dem Politiker aus Russland, der Ukraine, Deutschland und Frankreich die Umsetzung der Minsker Friedensvereinbarungen vorantreiben wollen.