Liebe Tante SPD,

ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man Frauen aus dem Bekanntenkreis noch artig mit „Tante“ anzureden hatte und erst dann den Vornamen nennen durfte („Tante Ilse“). Da gab es Tanten, die hatte ich sehr gern, und es gab welche, die waren mir egal. Du aber, liebe Tante SPD, bist mir nicht egal – und deshalb mache ich mir Sorgen. Schwere Sorgen um Deine Gesundheit.

Gnadenlos abgestraft

Das liegt weniger an den schon Mitleid erregenden Ergebnissen, mit denen Dich die Wähler in den letzten Jahren gnadenlos abgestraft haben, obwohl Du nicht mehr Fehler gemacht hast als die anderen auch. Im Gegenteil: Die Union hast Du in der GroKo mehrfach aufs Kreuz gelegt – wie jetzt wieder mit der Grundrente – und hast sie sogar selbst zu einer Art SPD gemacht.

Zu einer Zwillingsschwester quasi. Mit der Du durch Dick und Dünn gehst und irgendwann mal einen Vereinigungsparteitag feiern könntest, damit die Dinge wieder klarer werden in Deutschland und weniger Parteien im Parlament sitzen. So wie früher.

Rückgratlose Mitmacherei

Spaß beseite. An Deinen Leistungen liegt es nicht, dass mich zuweilen ein regelrechtes Trauer- und Verlustgefühl befällt, wenn ich an Dich denke. Dann sehe ich gequält, wie Du Dich ohne Not dem Zeitgeist andienst. Was soll diese rückgratlose Mitmacherei? Zigtausend Deiner Genossen, eine anonyme Masse, durften nun darüber abstimmen, wer in Zukunft an Deiner Spitze stehen soll. Dass Deine Kerntruppe, Deine erste Garde, so eine Generalfrage nicht mehr unter sich regeln kann, ist – ich muss es Dir so hart schreiben – ein Armutszeugnis.

Angst vor Verantwortung

Spitzenleute, die sich nicht an die Spitze trauen und die Verantwortung scheuen. Wie arm ist das?! Und als ob das nicht alles schon schlimm genug wäre, eierst Du noch mehr durch die Steppe der Orientierungslosigkeit und willst Deine Spitze auch noch verdoppeln. Das geht nur bei den Grünen (wobei es da ja auch so einen heimlichen Chef gibt).

Aber Du, gute alte SPD, Du Malocher-Partei, bist dafür nicht geschaffen. Ein Tandem ist in Deiner DNA nicht angelegt. Auf dem Bau gibt es auch immer nur einen Polier, der sagt, was die Jungs zu machen haben. Nur so bringt man‘s zu was. Lern das endlich mal, Tante, und hör endlich auf, immer den Fuchsschwanz aus der Werkstatt zu holen, wenn einer mehr als ein halbes Jahr auf Deinem Chefsessel sitzt! Gut bist Du damit nämlich nie gefahren.

Ziemlich bekannt und unbekannt

Schon jetzt ahne ich – egal welches Duo nun am besten abgeschnitten hat und von Dir beim Parteitag durchgewunken wird –, dass diese Verzweiflungslösung Dir auch nicht aus der Krise helfen wird. Wie auch? Da sind zwei Auch-nicht-gerade-Alpha-Männer – der eine ist Finanzminister und ziemlich bekannt, der andere ist fast unbekannt – die sich zwei Alibi-Frauen ins Boot geholt haben, die nun wirklich gar niemand kennt und die – wenn sie das Zeug zu Spitzenämtern hätten – dort eigentlich längst angekommen sein müssten. Sind sie aber nicht. Warum wohl? Genau.

Gute SPD, dreh um, bevor es zu spät ist! Wähle nächste Woche in Berlin einen Mann oder eine Frau, und lass sie oder ihn mal machen. In der GroKo. Alles andere ist Selbstmord.