Die eindrucksvollste Kopf auf dem Hauptplatz von Chemnitz gehört Karl Marx. 40 Tonnen wiegt die Büste des Mannes, dem weltweit mehr Menschen hinterherliefen als Adolf Hitler ein Jahrhundert später. Marxens Büste beherrscht bis heute das Areal, auf dem in den vergangenen Tagen Tausende Menschen demonstrierten. Es war ein Sponti-Festival der rechtsextremen Szene, die am Sonntag wie auf Knopfdruck zur Stelle war. Anlass war eine Bluttat, doch liegen die Ursachen viel tiefer.

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Warum rutscht jemand in dieses Lager ab? Weil er dort ein überschaubares Weltbild vorfindet, in das er sich schnell einfühlen kann. Rechtsextrem ist kein Ausdruck von Armut oder sozialer Einsamkeit. Die meisten Anhänger sammeln die Anführer dort ein, wo sich Menschen benachteiligt fühlen.

Rechtsextremismus ist überwiegend Männersache. Das belegen Studien, und das zeigen auch Bilder der Demonstrationen in Chemnitz und von anderen Zusammenkünften dieser Art. Das hat damit zu tun, dass es eine typische Macho-Welt ist, die sich in Szene setzt. Dunkle Kleidung, Stiefel, Vermummung. Die Außenwirkung ist auf Einschüchterung ausgelegt, nicht auf Verständigung und Kompromiss. Deshalb marschieren auch kaum Frauen mit: Die meisten betätigen sich lieber in ihren "Sozialen" Netzwerken als auf einer verkappten Wehrübung.

Hinter diesen Auftritten steckt eine Haltung, die mit der europäischen offenen Gesellschaft auf Kriegsfuß steht. Rechtsextreme lehnen die grundsätzliche Gleichheit der Menschen ab. An ihre Stelle treten Begriffe wie Volksgemeinschaft, die einen ethnisch "reinen" Staat propagiert – ein Versuch, der in Deutschland bereits vor 80 Jahren nur Unheil brachte.

Wo das eigene Land auf ein hohes Podest gestellt wird, fallen andere automatisch hinunter. Die Folge ist ein übersteigerter Nationalismus – und das in einem Land, das mit dieser Ideologie nach 1933 bereits die schlechtesten Erfahrungen gemacht hat. Rechtsextremismus 2.0 bedeutet, dass man einen alten Fehler ein zweites Mal begeht. Das spricht nicht für die Logik ihrer Anhänger.

Dabei berufen sich gerade Rechtsextreme häufig auf die Geschichte. Sie picken sich aus dem Kyffhäuser der Deutschen jene Symbole heraus, die in den eigenen ideologischen Kram passen. Dazu zählen die alten deutschen Farben Schwarz-Weiß-Rot, die bis 1945 geflaggt wurden. Am bedenklichsten erscheint die Verherrlichung des NS-Regimes, einhergehend mit der Relativierung des Holocaust. Dazu gehören auch Symbole der Germanen und einzelne Runen. Es ist eine männerbündische, zwangsläufig einseitige bis gefühllose Bilderwelt, mehr im Tod als im wirklichen Leben beheimatet.

Schwache starke Männer

Rechtsextremismus entspringt der tiefen Unsicherheit seiner Anhänger. Schwache Männer laufen erst in der Gruppe zur Lautstärke auf. Als Einzelexemplare verhalten sie sich ruhig und angepasst. Zur großen Gruppe gehört auch, dass man auf kleine Gruppen hinuntersieht, vor allem wenn ihre Haut undeutsch erscheint. Die Chauvinisten sehen im Fremden und verschärft in Flüchtlingen eine Bedrohung der eigenen Existenz. Das gilt auch, wenn – wie in Sachsen – kaum Asylbewerber untergebracht sind.

Dass einzelne Gegenden im deutschen Osten in Reiseführern als "nicht begehbar" (No go) gelten, ist eine Schande. Der Rassismus, wie er von radikalen Neo-Germanen verbreitet wird, darf keine zweite Chance erhalten. Das Experiment Nummer 1 war verheerend genug.

So schlicht diese Zusammenhänge sind, so schwer ist dieses Lager ansprechbar. Es sind eingebildete Kranke, die ihre Phantomschmerzen namens völkische Reinheit oder nationale Größe pflegen. Klare Argumente verpuffen. Diese werden vielmehr als Mainstream oder als fader Kompromiss abgetan. Dabei sind Kompromisse der Leim der Demokratie. Es ist nicht schlecht, wenn man sich in der Mitte trifft – besser als die Flucht an den Rand.

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