Jetzt versuchen Sie mal, folgenden Satz zu lesen: „Afugrnud enier Sduite an enier Elingshcen Unvirestiät ist es eagl, in wlehcer Rienhnelfoge die Bcuhtsbaen in eniem Wrot sethen, das enizg Wcihitge dbaei ist, dsas der estre und lzete Bcuhtsbae am rcihgiten Paltz snid.“ War doch gar nicht so schwierig? Dann ist der Inhalt des Satzes wohl zutreffend: Die Buchstaben in den Wörtern sind bunt durcheinander gewürfelt, aber wir können sie dennoch relativ problemlos lesen, weil unser Hirn sie automatisch korrigiert.

Ist Rechtschreibung also gar nicht wichtig? Diese Schlussfolgerung liegt nahe – und scheint den Eindruck vieler Menschen zu bestätigen, auch die Rechtschreibreform sei unnötig gewesen. Debatten über Sinn und Unsinn, Nutzen und Schaden dieser Reform können auch noch nach zwanzig Jahren einen unverfänglichen Plausch zum Kulturkampf mutieren lassen.

Doch man sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen aus dem Satz mit dem Buchstabensalat. Er besagt zwar einiges über die Funktionsweise unseres Hirns, aber wenig über den Zustand unserer Rechtschreibung. Denn er spiegelt keineswegs die Probleme und Unsicherheiten, die in Mails oder Internetforen, aber auch in offizielleren Texten zutage treten. Der zitierte Satz verdreht zwar die Buchstaben innerhalb der Wörter, aber diese sind alle korrekt groß oder klein geschrieben. Auch die Kommasetzung stimmt. Und wenn man die Buchstaben in „Rienhnelfoge“ in Ordnung bringt, steht da eben „Reihenfolge“ und nicht beispielsweise „Reienfollge“.

Mit anderen Worten: Dieser Satz ist ein künstliches Beispiel. Er konnte nur von jemandem erfunden werden, der weiß, wie man ihn richtig schreibt – und er kann auch nur von Menschen entziffert werden, in deren Hirn die Rechtschreibregeln ebenfalls so gut verankert sind, dass sie kein Problem damit haben, die Buchstaben in die richtige Reihenfolge zu bringen. Löst man diese Regeln auf, erschwert man auch die Verständigung zwischen Schreiber und Leser. Der oben zitierte Satz erlöst uns somit gerade nicht vom Rechtschreibzwang, sondern er unterstreicht im Gegenteil die Notwendigkeit, korrekt schreiben zu lernen.

Schreiben ist Kommunikation. Wer schreibt, möchte gelesen – und verstanden werden. Um das zu gewährleisten, hat man sich auf ein Regelwerk geeinigt. Es geht bei der Rechtschreibung also nicht darum, den Schreiber zu gängeln, sondern darum, Texte leserfreundlich zu machen. Wo die Rechtschreibung aufgelöst und ihre Bedeutung nicht mehr ernst genommen wird, wird die Kommunikation schwieriger.

Das bedeutet nicht, dass alle Rechtschreibregeln wie in Stein gemeißelt sein müssen. Sprache ist lebendig und verändert sich mit den Menschen, die sie verwenden. Wo allerdings mutwillig und in großem Stil in das Regelwerk eingegriffen wird, wo Erlerntes plötzlich nicht mehr gilt, entsteht Unsicherheit. Diese schmerzvolle Erfahrung mussten ausgerechnet die Hüter und Lenker der Rechtschreibung machen, die vor zwanzig Jahren die Rechtschreibreform angestoßen und durchgeführt haben.

Die Idee dahinter war eigentlich gut gemeint: Das Regelsystem sollte in sich konsequenter und die Schreibung dadurch leichter werden. Zum Teil ist das auch gelungen. Vor allem die Regel zur Unterscheidung zwischen scharfem ß und Doppel-ss (auf einen langen Vokal folgt das ß, wie etwa in Fuß, auf einen kurzen Vokal das ss wie in Fluss) lässt sich konsequent anwenden und macht wenig Probleme. Doch Sprache ist keine Naturwissenschaft und lässt sich nicht bis ins Kleinste durchrationalisieren. Der See schreibt sich noch immer mit ee, der Zeh aber mit eh, obwohl ee und eh gleich klingen. Logisch ist das nicht. Richtig ist es trotzdem – weil wir es so gelernt haben. Und manchmal ist es besser, solche Regeln in all ihrer Inkonsequenz zu belassen.

Der erste Fehler der Rechtschreibreformer bestand also darin, sprachliche Inkonsequenzen zu korrigieren, ohne zu bedenken, dass sich die neuen Regeln nicht mit der Macht der Gewohnheit ihrer Anwender vertragen würden. Noch heute graut es vielen davor, ein Wort wie Grammofon mit f zu schreiben, obwohl man Telefon längst nicht mehr mit ph schreibt. Der zweite Fehler der Rechtschreibreformer bestand dann darin, auf die vielen Proteste mit einer Rücknahme mancher Regeln und mit Kompromissen zu reagieren. Verunsicherung war die Folge. Gerade Getrennt- und Zusammenschreibung macht vielen Menschen Probleme. Schreibt man nun „mit Hilfe“ oder „mithilfe“? Die Antwort lautet hier wie in so vielen Fällen: Beides ist möglich. Das ist zwar nett gemeint, doch die Wahlfreiheit befördert Unsicherheit. Und daraus wiederum erwächst das Gefühl, die Rechtschreibung sei womöglich gar nicht so wichtig. An diesem Punkt sind wir heute.

http://elisabeth.schwind@suedkurier.de