Eines muss man Präsident Recep Tayyip Erdogan lassen: Er kennt die Europäer deutlich besser als sie ihn. Mit kühlem Genuss und der Zielgenauigkeit eines Scharfschützen trifft er das politische Herz seiner Gegner – und lässt sie vorher noch ihr eigenes Grab schaufeln. Ohne jede Skrupel nutzt der türkische Autokrat eine rechtsstaatliche Organisation wie Interpol aus, um gegen Widersacher wie den Schriftsteller Dogan Akhanli vorzugehen. Die spanische Polizei degradiert er hemmungslos zu seinen ferngesteuerten Erfüllungsgehilfen, die pflichtbewusst die Handschellen zuschnappen lassen. Die Empörung der deutschen Regierung dürfte da nur noch das Sahnehäubchen auf seinem türkischen Honig sein.

Und noch etwas ist Erdogan gelungen: Selbst wenn es äußerst unwahrscheinlich ist, dass Akhanli jemals an Ankara ausgeliefert wird, so bleiben doch die Sorgen und die Unsicherheit, dass Türkei-Kritiker überall auf der Welt vom langen Arm Erdogans gepackt werden können.