Gelangweilt reagierten die meisten Russen, als Präsident Boris Jelzin am 9. August 1999 wieder einmal einen neuen Ministerpräsidenten ernannte – den dritten innerhalb eines Jahres: Wladimir Putin. Der 46-jährige Petersburger war als Chef des KGB-Nachfolgers FSB der breiten Masse gar nicht bekannt. Kaum ein Meinungsforscher hätte in diesen Augusttagen 1999 auch nur eine Flasche Wodka darauf verwettet, dass der unscheinbare, schüchterne Mann mit dem kalten Blick und den steifen Bewegungen mehr Glück haben würde als seine Vorgänger. Ob der klein gewachsene Ex-KGB-Offizier selbst von seinem Erfolg überzeugt war, ist zu bezweifeln. Er habe sich lange gegen die Ernennung gewehrt und wäre lieber Chef des Gasprom-Konzerns geworden, erzählte sein Förderer Boris Beresowski später. Seine Gegner nahmen ihn nicht ernst, eine Zeitung bescheinigte ihm den "Charme eines getrockneten Haifisches".

Putin in Marineoffiziers-Uniform während einer taktischen Übung in der Barentssee im Jahr 2000.
Putin in Marineoffiziers-Uniform während einer taktischen Übung in der Barentssee im Jahr 2000. | Bild: AFP

Bald verging seinen Kritikern das Lachen. Nach Terroranschlägen auf Wohnhäuser mit fast 300 Toten im Herbst 1999 startete Putin einen Krieg gegen die Teilrepublik Tschetschenien, wo er die Attentäter vermutete. Dieser Krieg wandelte sein Ansehen völlig – vom ungeliebten „Retortenbaby Jelzins“ wurde er zum Bekämpfer des Terrorismus, seine Beliebtheit stieg sprungartig an. Am 31. Dezember 1999 erklärte der greise Jelzin seinen Rücktritt, Putin wurde damit zum amtierenden Staatschef. Mit dem Amtsbonus im Rücken gewann er wenige Monate später die Präsidentschaftswahl.

Macht gegen Straffreiheit

Seine erste Amtshandlung war eine Amnestie für Jelzin und seine Familie. So wurde sichtbar, was hinter der Zepterübergabe stand: Der alte Staatschef fürchtete, er und seine Familie könnten nach dem Machtverlust wegen Korruptionsskandalen und dubiosen Privatisierungsdeals vor Gericht kommen. Als „Vorsorge“ bauten sie auf den in FSB umbenannten KGB und dessen Chef Putin: Macht gegen Straffreiheit, das war offensichtlich der Deal.

Der russische Ex-Präsident Boris Jelzin (rechts) mit seinem politischen Ziehsohn, dem damaligen Ministerpräsidenten Wladimir Putin, 1999 im Kreml in Moskau.
Der russische Ex-Präsident Boris Jelzin (rechts) mit seinem politischen Ziehsohn, dem damaligen Ministerpräsidenten Wladimir Putin, 1999 im Kreml in Moskau. | Bild: Elmira Kozhayeva/AFP

Sehr viele hatten Putin unterschätzt. Der geschiedene Vater zweier erwachsener Töchter zog stramm die Zügel an und bekämpfte das Chaos der Jelzin-Zeit mit eiserner Hand. Politisch legte er sich nie fest, blieb für Kommunisten ebenso wählbar wie für Konservative, für Christen ebenso wie für Atheisten. Sein größter Verbündeter ist die politische Apathie seiner Landsleute: Rund 60 Prozent sind laut Meinungsforscher Lew Gudkow in einer Art Polit-Depression und weder eindeutige Anhänger noch Gegner Putins.

2010 lässt sich Wladimir Putin auf einem Harley Trike ablichten.
2010 lässt sich Wladimir Putin auf einem Harley Trike ablichten. | Bild: Alexander Zemlianichenko/AFP

Das sagen Anhänger und Kritiker

Seine Anhänger sehen Putin als Retter Russlands, der das Land vor dem drohenden Zerfall und dem Chaos rettete. Der die bis dahin alles bestimmenden Oligarchen entmachtete. Er habe Russland endlich wieder stark gemacht. Anders als unter Jelzin biete Moskau endlich dem Westen und vor allem der USA Paroli und spreche international wieder ein entscheidendes Wort mit. Viele Russen haben das Gefühl, dank Putin wieder stolz sein zu können auf ihr Land, und sehen die Annexion der Krim als „Wiedervereinigung“ und den Präsidenten als Beschützer vor einer aggressiven Nato. Zudem hat Russland unter Putin einen bislang beispielslosen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt.

Gerhard Schröder, seine Exfrau Doris Schröder-Köpf, Ljudmila Putina und Wladimir Putin (von links nach rechts) 2000 in Berlin.
Gerhard Schröder, seine Exfrau Doris Schröder-Köpf, Ljudmila Putina und Wladimir Putin (von links nach rechts) 2000 in Berlin. | Bild: Stephanie Pilick/dpa

Putins Kritiker verweisen darauf, der Aufschwung sei vor allem dem Steigen des Ölpreises zu verdanken, von dem Russland weiter abhängig sei, statt eine wettbewerbsfähige Wirtschaft aufzubauen. Putin habe die Demokratie und Meinungsfreiheit massiv eingeschränkt und Russland wieder zu einer, wenn auch sanften, Diktatur gemacht, in der Kritiker ins Gefängnis gesteckt und getötet würden, und Stalin wieder verehrt würde. Sie werfen ihm vor, ein Mafia-KGB-Regime errichtet und nur die alten durch neue Oligarchen ausgetauscht zu haben – seine Freunde. Sie sagen, Putin habe Russland durch seinen Angriff auf die Ukraine international isoliert und schade dem Land massiv, weil es vor den Herausforderungen durch China und islamischen Kräften eigentlich den Westen als natürlichen Bundesgenossen brauche. Stattdessen schüre er bei den Menschen massiv die Angst vor dem Westen und setze auf Militarisierung.

Koney, der schwarze Labrador von Russlands Präsidenten Wladimir Putin, läuft 2007 beim Treffen seines Herrchens mit Bundeskanzlerin Angela Merkel durchs Zimmer.
Koney, der schwarze Labrador von Russlands Präsidenten Wladimir Putin, läuft 2007 beim Treffen seines Herrchens mit Bundeskanzlerin Angela Merkel durchs Zimmer. | Bild: Dmitry Astakhov/dpa

Zustimmung für Annexion der Krim

Nach der Annexion der Krim 2014 stieg die zuvor massiv angekratzte Popularität von Putin, die auch durch Massenproteste gegen Wahlfälschungen 2011 deutlich wurde, enorm an und sprang auf Zustimmungswerte von über achtzig Prozent. Aufgrund der aktuellen Wirtschaftskrise sinkt die Beliebtheit des inzwischen 67-Jährigen wieder.

In seiner Sommerresidenz Bocharov Ruchey in der Olympiastadt Sotschi hält sich Wladimir Putin körperlich fit.
In seiner Sommerresidenz Bocharov Ruchey in der Olympiastadt Sotschi hält sich Wladimir Putin körperlich fit. | Bild: Mikhail Klimentyev/AFP

Pünktlich zum zwanzigjährigen Jubiläum von Putins Aufstieg an die Macht kommt es derzeit in Russland, insbesondere in Moskau wieder zu Protesten. Tausende gehen auf die Straße, um für freie Wahlen zu demonstrieren, nachdem die wichtigsten Oppositionspolitiker in der Hauptstadt nicht zugelassen wurden zu den Regionalwahlen im September. Für westliche Verhältnisse ist die Zahl der Demonstranten gering. Berücksichtig man allerdings, dass friedliche Demonstranten nicht nur mit Prügeln und mehrwöchigen Arreststrafen rechnen müssen, sondern ihnen jahrelange Haftstrafen angedroht wurden, ist die Zahl der Mutigen beachtenswert.

Polizisten halten einen Demonstranten bei einer nicht genehmigten Kundgebung fest. Immer wieder kommt es in Moskau dieser Tage zu Protesten.
Polizisten halten einen Demonstranten bei einer nicht genehmigten Kundgebung fest. Immer wieder kommt es in Moskau dieser Tage zu Protesten. | Bild: Vladimir Zemlianichenko/dpa

Dass Putin seine Polizei Demonstranten brutal prügeln und festnehmen lässt, ist zum einen aus seiner Art der Machtausübung heraus zu erklären: Er setzt auf Stärke, Dominanz und im Zweifelsfall eben auch auf Gewalt. Aber die Brutalität der letzten Wochen offenbart auch Nervosität. Putin ist klug genug, um zu verstehen, dass der Unmut über ihn wächst. Vielleicht ahnt er auch, dass er seinen Zenit überschritten hat. Zumindest kokettiert er zuweilen mit angeblicher Amtsmüdigkeit.

Wladimir Putin war von 1983 bis 2013 mit seiner Frau Ludmilla verheiratet. Die beiden haben zwei erwachsene Töchter.
Wladimir Putin war von 1983 bis 2013 mit seiner Frau Ludmilla verheiratet. Die beiden haben zwei erwachsene Töchter. | Bild: Bernd Settnik/dpa
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Und hier wird das, was immer seine vermeintliche Stärke war, zu seiner Schwäche: Weil das gesamte System auf ihn persönlich zugeschnitten ist, gibt es keine Exit-Strategie für ihn. Schlimmer noch: Die vermeintliche Stabilität, die er in Russland geschaffen hat, entpuppt sich als sehr wackelig, wenn man sich vorstellt, er würde an der Staatsspitze ausfallen: Im Gegensatz zu westlichen Demokratien, in denen die Institutionen entscheidend sind, ist in Russland alles auf die Person Putin zugeschnitten, hängt alles vom „Zaren“ ab, wie ihn Anhänger ehrfurchtsvoll nennen. Kein Experte kann voraussagen, wie es nach Putin weitergeht. Skeptiker warnen gar, ein Auseinanderfallen Russlands drohe. Das ist wohl einer der Gründe, warum sich viele westlichen Staatsleute bei aller Kritik doch arrangiert haben mit Putin.

Putin zeigt sich gern als kernigen Naturburschen – wie 2009 während eines Urlaubs.
Putin zeigt sich gern als kernigen Naturburschen – wie 2009 während eines Urlaubs. | Bild: Alexey Druzhinin/AFP

Putins größtes Risiko ist er selbst

Wladimir Putin im Jahr 2006 mit einer Waffe an einem Schießstand im Hauptsitz des russischen Geheimdienstes.
Wladimir Putin im Jahr 2006 mit einer Waffe an einem Schießstand im Hauptsitz des russischen Geheimdienstes. | Bild: dpa

Allen Unkenrufen zum Trotz: Im Moment sitzt der „nationale Führer“, wie er sich eine Zeit lang gerne nennen ließ, so fest im Sattel, hat den Sicherheitsapparat so stramm im Griff und die ohnehin zutiefst zerstrittene Opposition so unterdrückt, dass ihn allenfalls eine große Katastrophe ins Wanken bringen könnte. Das größte Risiko für Putin ist, dass er sich selbst ein Bein stellt. Etwa, wenn er es gar zu weit übertreibt mit der Unterdrückung der Proteste und mit den möglichen drakonischen Strafen. Die Geduld der Russen mit ihren Herrschern gilt zwar als riesig. Aber Nationaldichter Alexander Puschkin warnte schon im 19. Jahrhundert: Wenn es dann doch zu einem Aufstand kommt, werde der „absurd und brutal“.

Wladimir Putin inszeniert sich häufig als Sportsmann. So wie hier beim Skifahren in Sotschi im Jahr 2007.
Wladimir Putin inszeniert sich häufig als Sportsmann. So wie hier beim Skifahren in Sotschi im Jahr 2007. | Bild: Maxim Marmur/AFP