Es ist erstaunlich: Vor gut einer Woche begann der Ausnahmezustand in Chemnitz. Die AfD befindet sich seither in Erklärungsnot, weil ihre Vertreter an der Seite von Rechtsextremisten auf die Straße gehen, darunter die fremdenfeindliche Pegida und gewaltbereite Hitlergruß-Hooligans.

Trotz aller Empörung, Appelle und Verurteilungen hat es der Partei nicht geschadet. Im Gegenteil. Laut jüngsten Umfragen gewinnt die AfD in der Wählergunst, sie legt um zwei Prozentpunkte auf 16 Prozent zu. Offenkundig geht die Strategie der etablierten Politik, an Anstand und Bürgersinn zu appellieren, nicht auf.

Viele Brücken sind abgebrochen

Wie ist das möglich? Seit Chemnitz zeigt sich deutlicher denn je, dass die deutsche Gesellschaft in erschreckendem Ausmaß in zwei Lager zerfällt, getrieben von einer Asylpolitik, die die Bevölkerung polarisiert und die Wähler spaltet. Schon jetzt sind viele Brücken abgebrochen. Gutgemeinte Ansprachen und moralische Appelle fruchten nicht mehr, weil das Vertrauen dahin ist.

Kräfte wie die AfD leben von diesem Misstrauen. Deshalb bestärken sie die Unzufriedenen in dieser Gesellschaft in ihrer Wut auf Regierende, Altparteien und Medien. Das Vertiefen von Gräben gehört zum Grundsatzprogramm dieser Partei.

Dagegen aufzustehen ist nach den Ereignissen von Chemnitz wichtiger denn je. Gewinnen lässt sich die Auseinandersetzung jedoch nur, wenn nicht leichtfertig Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt wird: Die Fakten müssen stimmen. Das tun sie nicht immer.

Die Lagerbildung wird unnötig verschärft

Die Kanzlerin und ihr Regierungssprecher sprachen von einer Hetzjagd auf Menschen. Die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen teilt mit, ihr lägen keine Erkenntnisse über Hetzjagden in Chemnitz vor. Ein verwackeltes Handyvideo im Internet zeigt zwar – schlimm genug – am Tatabend einen Übergriff auf Migranten, jedoch keine allgemeine Pogromstimmung gegen Ausländer.

Ähnlich äußerte sich der Chefredakteur der Chemnitzer "Freien Presse". Anders als viele Kollegen waren seine Redakteure an jenem Tag vor Ort. So wird nach den Ausschreitungen in Chemnitz die Lagerbildung nicht bekämpft, sondern unnötig verschärft.

Beispiele finden sich fast täglich. 6000 Menschen demonstrierten am Tag nach dem Messerangriff gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Einige hundert von ihnen waren Neonazis. Dennoch prägten sie das Bild der Kundgebung – und nicht etwa die Mehrheit jener aufgewühlten Bürger, die nach dem Tod eines Mitbürgers am Rande eines Stadtfestes nicht einfach zum Alltag übergehen möchten.

Dass sie gemeinsam mit Feinden der Demokratie auf die Straße gehen, ist inakzeptabel. Eine andere Sache ist ihre Forderung nach einer Korrektur des Asylrechts. Sie ist in einer Demokratie legitim.

Die Radikalen sind die falschen Anwälte

Der Messerstecher von Chemnitz kam mit gefälschten Papieren in die Bundesrepublik. Er hätte beizeiten abgeschoben werden können, wenn die Behörden die Ausweisungsfristen nicht leichtfertig versäumt hätten. Hier Korrekturen anzumahnen, ist nicht zwangsläufig rassistisch, sondern sachlich geboten.

Die Radikalen sind dabei die falschen Anwälte. Was sie im Schilde führen, zeigt sich in Chemnitz deutlich. AfD, Pegida und andere rechte Gruppierungen heizen Verunsicherung und Verbitterung gezielt an, um die Lage zu eskalieren und die Verhältnisse zu destabilisieren. Ohne jede Scham wurden am vergangenen Samstag die Bilder der Opfer von Migrantengewalt durch die Straßen getragen.

Fast täglich werden aus deutschen Städten weitere Übergriffe gegen Ausländer gemeldet. Journalisten werden zum Freiwild erklärt. Diesen Kräften geht es nicht um das Mordopfer, auch nicht um die Sicherheit der Bürger, sondern einzig darum, aus der Situation Kapital zu schlagen.

Allein mit Moralpredigten und Entrüstungschören lässt sich der Trend nach rechts nicht stoppen. Wer den Zulauf für die Rechten aufhalten will, muss Gesetze ändern und Behörden auf Trab bringen, statt Wähler zu belehren. Bleibt alles beim Alten, bedanken sich die Hetzer und Scharfmacher.