Washington – Acht Jahre lang, von Januar 2009 bis Januar 2017, war Joe Biden Vizepräsident von Barack Obama. Stets loyal hat er in dieser Zeit hinter seinem Chef gestanden, auch wenn sein Einfluss auf die Tagespolitik Obamas – wie es bei Stellvertretern des Präsidenten nun mal so ist – extrem begrenzt war. Und doch hat es bisher, in der wichtigsten Phase von Bidens politischer Karriere, keine Unterstützung vom ersten farbigen Präsidenten der USA gegeben.

Biden will als einer von einem Dutzend noch im Rennen befindlichen Demokraten 2020 Donald Trump ablösen. Obama hält sich aber nach außen bedeckt – und weigert sich beharrlich, den Finger zwei Monate vor Beginn der parteiinternen Vorwahlen in Iowa und New Hampshire auf die Waagschale zu legen und beispielsweise zu sagen: „Der Joe, der ist ein fantastischer Kandidat. Ich unterstütze ihn mit vollem Herzen“.

Mögliche Kandidatur 2020 oder erst 2024?

Manche Beobachter vermuten, dass die extreme Zurückhaltung des Ex-Präsidenten auch ganz persönliche familiäre Gründe haben könnte. Denn Umfragen zeigen immer wieder: Würde die frühere First Lady Michelle Obama noch ihre Kandidatur erklären, würde sie alle Mitbeweber und auch Trump nach Längen schlagen. Zwar hatte Michelle Obama nach dem Auszug aus dem Weißen Haus erklärt, nicht in die Politik zu wollen. Doch solche Aussagen können auch revidiert werden. Entweder noch für das 2020-Rennen oder dann bei der Präsidentschaftsfrage für das Jahr 2024.

Kritik an allen Bewerbern

Gerade in den letzten Wochen hätte Biden solche Rückendeckung brauchen können, denn sein Name ist mit dem Amtsenthebungs-Drama gegen Trump bereits untrennbar verbunden. Der Präsident hatte unter anderem Militärhilfen an die Ukraine zurückhalten lassen und auch einen Besuch des neugewählten ukrainischen Präsidenten im Weißen Haus davon abhängig gemacht, dass Kiew die Rolle von Joe Biden untersucht, dessen Sohn Hunter beim Energiekonzern Burisma einen gutdotierten Job bekommen hatte, während der Vater für Obama federführend den Kontakt zur Ukraine hielt. Doch auch hier sagt Obama heute nicht: „Dem Joe, dem kann man gar nichts vorwerfen. Der hat eine tadelllose Ethik“. Stattdessen weist der frühere Biden-Boss durch Mitarbeiter jegliches Ansinnen zurück, eine Bewertung seines so langjährigen Vize vorzunehmen. Und noch schlimmer: Wie das Magazin „politico“ jetzt berichtete, scheute sich Obama im kleinen privaten Kreis nicht, alle Bewerber der Demokraten mit Kritik zu überziehen – Biden inklusive.

Barack Obama will Obamacare nicht aufgeben

Dieser habe nicht mehr die Verbindung wie früher zur Wählerbasis, soll Obama kürzlich gegenüber Freunde und Bekannten analysiert haben. Auch die progressive Senatorin Elizabeth Warren, die Umfragen zufolge gute Nominierungs-Chancen besitzt, ließ der frühere Präsident nicht gut wegkommen. Kernstück von Warrens politischem Plan ist die Eliminierung von „Obamacare„, der einst von Obama auf den Weg gebrachten Gesundheitsreform. Stattdessen will Warren „Medicare“ für alle – eine staatliche Krankenversicherung, die keine privaten Wahloptionen mehr läßt und allen Bürgern die gleiche Versorgung beschert. Es war klar, dass Obama an Warren dachte, als er am 15. November gegenüber Parteispendern privat analyisierte: Der Durchschnitts-Amerikaner wolle nicht, dass das System komplett niedergerissen und neu konstruiert werde. Mit Blick auf den Senator Bernie Sanders und dessen sozialistisch angehauchte Thesen habe Obama sogar intern angedroht, sich offen gegen den 77-Jährigen auszusprechen, falls dieser Nominierungs-Favorit werde, um ihn zu stoppen. Doch die Chancen von Sanders sind nach dessen Herzinfarkt gesunken. Und Obama wird hier wohl weiter schweigen können.