"Deutschland muss besser werden." Heino von Meyer, der Leiter des Berliner Zentrums der Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), redet bei der Vorstellung des jährlichen Bildungsreports seiner Organisation in Berlin nicht um den heißen Brei herum. Ja, Deutschland habe beachtliche Fortschritte bei der Reform seines Bildungssystems seit dem "Pisa-Schock" im Jahr 2000 erzielt. Gleichwohl gebe es noch viele Bereiche, wo unverändert Nachholbedarf bestehe.

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Das größte Lob gibt es von den Forschern für das deutsche Berufsbildungssystem. Eine abgeschlossene Berufsausbildung stelle eine „hohe Beschäftigungsfähigkeit sicher“ und schütze fast so gut wie ein Studium vor Arbeitslosigkeit. Entsprechend zufrieden reagieren Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, der Thüringer Bildungsminister Helmut Holter (Linke), auf den OECD-Report. „Berufliche Bildung und akademische Bildung sind bei uns gleichwertige und zukunftsfähige Karrierealternativen“, sagte Karliczek.

Dauerhaft im Bereich Bildung engagieren

Das duale Bildungssystem ermögliche Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt und fördere die Integration junger Zuwanderer. Holter appelliert an den Bund, sich nicht nur zeitweise und mit zusätzlichen Mitteln, sondern dauerhaft im Bereich der Bildung zu engagieren. Zudem müsse man schon jetzt die Weichen stellen, um einen drohenden Lehrermangel wegen der demografischen Entwicklung zu verhindern.

Dank des massiven Ausbaus der Kindertagesstätten ist der Anteil der Kinder unter drei Jahren, die eine Betreuungseinrichtung besuchen, von 2005 bis 2016 um 20 Prozentpunkte auf 37 Prozent gestiegen, bei den Drei- bis Fünfjährigen stieg die Quote von 88 auf 95 Prozent. Damit liegt Deutschland über dem OECD-Durchschnitt von 86 Prozent. Das ist eine erfreuliche Entwicklung, befindet die OECD.

Auch auf gering Qualifizierte schaut die neue Studie. 13 Prozent der jungen Erwachsenen haben kein Abitur oder keine abgeschlossene Berufsausbildung. Damit liegt Deutschland zwar knapp unter dem OECD-Durchschnitt von 15 Prozent, doch in Kanada, Tschechien, Korea, Polen und Slowenien liegt der Anteil der gering Qualifizierten unter zehn Prozent.

Noch mehr junge Menschen zum Abitur führen

Diese Gruppe hat hinterher auch die größten Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Nur 55 Prozent haben einen Job, die Arbeitslosenquote ist mit 15 Prozent fünf Mal so hoch wie bei jungen Erwachsenen mit Abitur und abgeschlossener Berufsausbildung. Hier greift die OECD auf ein altes Rezept zurück: Sie empfiehlt, noch mehr junge Menschen zum Abitur zu führen.

In Sachen Jugendarbeitslosigkeit liegt die Bundesrepublik gut. Nur jeder zehnte 15- bis 29-Jährige in Deutschland hat weder einen Job noch befindet er sich in Bildung oder Ausbildung. Das ist einer der niedrigsten Werte in den Industrieländern.

Deutlich höher liegt der Wert bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die im Ausland geboren wurden, hier ist jeder Vierte arbeitslos, bei denen, die erst mit 16 Jahren oder noch später ins Land kamen, sind es sogar 32 Prozent. Dafür verantwortlich sei der „hohe Zustrom an jungen Flüchtlingen in den vergangenen Jahren“, die sich noch im Integrationsprozess befänden, so die OECD.

Immer mehr studieren

Die Zahl der eingeschriebenen Studentinnen und Studenten steigt kontinuierlich an, der Anteil der Hochschulabsolventen ist von 23 Prozent im Jahr 2007 auf 31 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen. 17 Prozent der jungen Erwachsenen haben einen Bachelor-Abschluss, 14 Prozent einen Master-Abschluss. Bei den Bachelor-Abschlüssen liegt Deutschland deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 23 Prozent, was die Forscher damit begründen, „dass das leistungsstarke Berufsbildungssystem eine Alternative zu akademischen Abschlüssen darstellt“. Junge Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung haben mit einer Beschäftigungsquote von 83 Prozent im Prinzip die gleich guten Chancen auf dem Arbeitsmarkt wie Akademiker mit einer Quote von 87 Prozent.

Die soziale Herkunft wird von der OECD immer aufmerksam analysiert. In keinem anderen Industrieland ist die soziale Herkunft so entscheidend für den Bildungserfolg wie in Deutschland. Das fängt bereits bei den frühkindlichen Einrichtungen an, wo der Anteil der Kinder von Akademikern um zehn Prozentpunkte höher liegt als von Nicht-Akademikern, und endet an den Hochschulen, wo zwei von drei Studenten aus einem Akademikerhaushalt kommen.

Deutschland zahlt im OECD-Vergleich die höchsten Lehrergehälter. Damit verdienen Lehrer in etwa genauso viel wie Vollzeitkräfte mit vergleichbarem Bildungsstand. Aber nach Italien hat Deutschland auch den mit Abstand ältesten Lehrkörper, knapp die Hälfte aller Lehrerinnen und Lehrer ist 50 Jahre und älter, im OECD-Vergleich sind es hingegen nur ein gutes Drittel. Das gibt stark zu denken.

Die Ausgaben für Bildung, die zwischen 2005 und 2011 von 8,9 auf 9,7 Prozent der Gesamthaushalte von Bund und Ländern gestiegen sind, sind zuletzt geringfügig auf 9,2 Prozent gesunken. Damit liegen sie knapp unter dem OECD-Durchschnitt von 11,0 Prozent. Bei den Pro-Kopf-Ausgaben pro Schüler, Auszubildendem und Student liegt Deutschland dagegen mit 12.139 US-Dollar deutlich über dem Mittelwert von 10.520 US-Dollar.