Seit fünf Jahren und fünf Monaten ist Franziskus im Amt. Sein Pontifikat ist reich an Überraschungen, klaren Worten, Neuerungen. Was sich nun ein hoher Mitarbeiter im Range eines Erzbischofs herausnimmt, ist ein Novum: Carlo Maria Vigano, ehemaliger Nuntius des Vatikan in den USA, fordert den Rücktritt des amtierenden Papstes. Der Grund ist fadenscheinig: Franziskus sei im Umgang mit Theodore McCarrick zu lasch gewesen. McCarrick, inzwischen 88 und Kardinal, hat soll in den 60er Jahren Seminaristen und Priester sexuell belästigt haben.

Natürlich kann man dem Papst eine letzte Verantwortung für alles in die Schuhe schieben, was in seiner Kirche schiefläuft. Und leicht lässt sich daraus sich eine Zuständigkeit für jede Verfehlung konstruieren, die in seiner Amtszeit geschieht. Die in Jahrhunderten aufgetürmte Pyramide päpstlicher Kompetenz kommt dieser Engführung sogar entgegen: Alle Macht geht vom Stellvertreter Christi aus, ihm kann und darf nichts entgehen. Nur ist jedem Zeitgenossen klar, dass dieses Bild straffer Führung einer Illusion gleichkommt. Gerade Franziskus hat erheblich abgerüstet, um die Luftwurzeln zu stutzen. Er ermuntert die Bischöfe zu eigenen Entscheidungen, er fordert Menschen aus Konfessionen auf, gemeinsam zur Kommunion zu gehen, wenn sie dies wünschen und mit ihrem Gewissen vereinbaren können.

Umso mehr staunt der Laie über den aufkommenden Unmut in den Gemächern des Vatikan. Die Rücktrittsforderung bildet nur die Spitze des Eisbergs. Hinter den Mauern gärt es schon lange gerade in der engeren Umgebung. Hinter vorgehaltener Hand lästern Prälaten über die Amtsführung des Argentiniers. Vor Monaten bereits hatten pensionierte Kardinäle (darunter auch der verstorbene Joachim Meisner, Köln) in einem Brief an ihn ihre Zweifel angemeldet. Drei Motive lassen sich im Gemenge der klerikalen Kritiker ausmachen: Sorge um den Kurs der Kirche, Realitätsverlust, gebrochene Karrieren.

Um den Missbrauch an Kindern geht es ihnen erst in zweiter Linie. Im Mittelpunkt der Zermürbungstaktik gegen den Papst steht der Kampf um die Macht. Auf der einen Seite sieht man den Pontifex, seine Spontaneität (mit seltenen Ausrutschern) und sein Versuch, das Petrus-Amt ein zweites Mal frisch zu füllen. Er umgibt sich mit Beratern mit deutlich lateinamerikanischer Prägung. Ihm gegenüber stehen weiße europäische Männer, die sich als Inkarnation des Katholischen wähnen. Sie sind konservativ in einem Sinne, dass man die Lehre und Liturgie in einer eiserne Truhe versperrt, damit nur nichts passiert.

Keiner fragt das Kirchenvolk

Wenn zwei sich streiten, reut es den Dritten. Die vielen Dritten sind die Gläubigen, um deren Heil willen der gesamte kirchliche Apparat schließlich arbeitet – oder arbeiten sollte, wenn er sich nicht gerade kontraproduktiv verhält. Auf Seiten der Franziskus-Gegner ist vom brav beitragszahlenden Kirchenvolk nie die Rede. Während der begnadete Kommunikator an der Spitze die Basis an seiner Seite weiß, schwingen seine hochrangigen Kritiker um die eigene Achse wie das Foucaultsche Pendel im römischen Pantheon. Sie haben den Kontakt zu den Gemeinden und deren Sorgen verloren. Es rächt sich, dass eine katholische Karriere vor allem mit Rom gleichgesetzt wird. Wer dort sitzt, betreibt vor allem Selbstbeschäftigung. Den gewöhnlichen Gläubigen verliert er zwangsläufig aus dem Blick.

Franziskus unterbricht dieses eingefahrene Schema. Hohe Ämter werden nur noch für fünf Jahre vergeben. Kardinal Müller aus Regensburg, ein prominenter Papst-Kritiker, hat es am eigenen Leib erfahren, als sein Mandat nach fünf Jahren nicht verlängert wurde. Für Klerikerverhältnisse ein Skandal – dabei ist die Begrenzung normal. Papst Franziskus schneidet derart feudale Zöpfe ab. Das Ergebnis mag verwirrend sein: Er wird weltweit gefeiert, doch in der Vatikanstadt sitzen seine Erzgegner einige Meter weiter.