Gesunde können sich nur schwer vorstellen, was es für Schwerkranke bedeutet zu wissen, dass sie ohne Spenderorgan nicht überleben werden. Sie warten oft über Jahre vergeblich auf den erlösenden Anruf, dass eines gefunden ist. Und doch kann es jeden treffen: Jahrelanger Diabetes und Bluthochdruck können die Nieren zerstören, verschleppte Infekte das Herz dauerhaft schädigen. Auch die Zahl der Autoimmunerkrankungen nimmt zu, die Organe ausfallen lassen. 10 000 Menschen, die hierzulande auf ein Spenderorgan warten, standen im vergangenen Jahr nur 797 Organspender gegenüber, die postmortal 2594 Organe spendeten.

Deshalb setzt sich Bundesgesundheitsminister Spahn für die Widerspruchslösung ein: So wäre jeder zur Organspende verpflichtet, es sei denn, er widerspricht ausdrücklich. Bisher gilt in Deutschland die Entscheidungslösung, das heißt man muss sich bewusst für eine Organspende aussprechen. Falls kein Organspendeausweis vorliegt, können Angehörige sich auch für eine Spende entscheiden, wenn dies der Wille des Kranken war.

Doch woran liegt es, dass in Deutschland so wenige Organe gespendet werden wie nie zuvor und das, obwohl die meisten Deutschen die Organspende positiv sehen? Ein Grund könnte im gesunkenen Vertrauen in die Transplantationsmedizin liegen: So ging 2012 der Organspendeskandal von der Göttinger Universitätsklinik aus, wo zwei Mediziner im großen Stil Akten gefälscht hatten, um ihre Patienten beim Empfang von Spenderlebern zu bevorzugen. In der Folge wurden Auffälligkeiten auch an Kliniken in München, Leipzig und am Deutschen Herzzentrum in Berlin entdeckt. Die Organspenden gingen um 30 Prozent zurück. Doch der Rückgang hatte schon 2010, also vor den Skandalen, eingesetzt.

Interessant ist, dass die Zahl potenzieller Organspender zwischen 2010 und 2015 um 14 Prozent zunahm, weil die Zahl der schweren Hirnschädigungen, die zum Hirntod führen, stieg. Doch gleichzeitig erkennen und melden Kliniken mögliche Organspender immer seltener. Experten sehen als Grund das Wirtschaftlichkeitsdenken in den Krankenhäusern, das dazu führt, dass Intensivbetten knapp sind und es zu wenige Pflegekräfte gibt. So passiert es leider viel zu oft, dass bei Patienten am Lebensende nicht an das Thema Organspende gedacht wird. Die Meldung an die Deutsche Stiftung Organtransplantation geht in der Überlastung des Klinikalltags unter.

Problematisch ist auch, dass Transplantationsbeauftragte in den Entnahmekliniken häufig überlastet sind, da sie diese Aufgabe zusätzlich übernehmen: Sie sollen sich nicht nur darum kümmern, dass potenzielle Organspender erkannt werden, sondern auch das Personal schulen und Angehörige in diesen existenziellen Fragen begleiten.

Denn bei vielen Menschen ist die Angst groß: Sie fürchten, dass nicht mehr alles für sie getan wird, wenn sie einen Organspendeausweis haben und schwerkrank sind. Sie bezweifeln, dass der „Hirntod“ wirklich den Tod bedeutet. Kranke oder Unfallopfer, deren Gehirn unwiderruflich ausgefallen ist, gelten in Deutschland als hirntot und kommen als Spender in Frage. Wenn Angehörige einen nahen Verwandten verlieren, braucht es Zeit, Empathie und eine vertrauensvolle Aufklärung seitens des Arztes.

Wäre jeder mit Spahns Widerspruchslösung Spender, dann müsste jeder seine Organe abgeben, es sei denn, er hätte widersprochen. Der von Freiwilligkeit getragene Gedanke der Spende wäre aufgegeben, und der Staat würde in diesen sensiblen Bereich eingreifen und die Integrität des Körpers antasten. Es wäre auch ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht. Für viele Menschen spielen auch religiöse Erwägungen eine Rolle: Sie sehen in der Organspende einen Akt der Nächstenliebe. Gerade deshalb sollte die Entscheidung, im Sterben einem anderen Menschen seine Organe zu schenken, jeder individuell treffen können oder die Angehörigen im Sinne des Verstorbenen.